Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf von Florian Heilmeyer – 2007

  

Um den kritischen Zeitgenossen gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ja, ich bin seit der ersten Platte ein großer Freund der Aggrolites. 'Dirty Reggae', das war ein Erweckungserlebnis in Sachen Skinhead Reggae. Rau, roh, ruppig. Reggae-Musik mit diesem großartigen Charme eines Reibeisens. Glasklarer Rhythmus, einprägsame Melodien und eine Stimme wie alter Whiskey. Die Aggrolites waren nicht die ersten in einer Retro-Welle von Bands, die weltweit plötzlich diese kurze Zeitspanne des hartgesottenen Reggae wieder aufleben ließen – aber sie waren die Besten. Die Menschen, die sich mit den Spielarten des frühen Reggae auskannten, waren sie begnadete Retro-Musiker, nie in der Gefahr des einfachen Kopierens, sondern mit einer gesunden Eigenständigkeit. Für die Menschen, die sich damit nicht auskannten, waren sie eine sehr gute Soul-Band. Mit Offbeat.

Und in gewisser Weise Auserwählte: eher zufällig fand sich die Band aus Studiomusikern zusammen und produzierte in einer knappen Woche ihr Debutalbum, weil es im Studio einfach gut lief... Es fiel ihnen praktisch vor die Füße. In dem Interview, das ich vor über einem Jahr mit den Jungs geführt habe, hatte Brian Dixon gesagt, sie hätten einfach von Anfang an gewußt, welche Musik sie machen wollen. Sie sagen von sich, sie hätten die US-amerikanischen Musikeinflüsse, die den Ska der 50er und 60er Jahre formte, einfach umgedreht und wieder etwas mehr Funk, Soul, Motown hineingeworfen.

 

Nun ist der dritte Langspieler der Kalifornier erschienen und – ja! klar! – der Sound hat sich verändert. Er hat sich auch verändern müssen, denn keine Band kann jahrelang immer dasselbe machen und dabei gut bleiben. Die Aggrolites haben neue Erfahrungen gesammelt, vor allem auf ihren vielen Tourkonzerten, und sie haben neue Aufnahmetechniken ausprobieren wollen. Der Sound ist geschliffener, weicher sicher auch und etwas kompatibler. Kompromissbereiter? Eher nicht. Harmonischer, noch melodischer: 'Let's pack Our Bags' ist ein ganz weicher, wunderbar vielstimmiger Rocksteady-Crooner, der gleich nach dem ersten Refrain Lust zum Mitsingen macht. 'Free Time' ist irgendwo zwischen Rocksteady und flottem Altska anzusiedeln, ein fröhliches Stück mit Inhalt und viel mehrstimmigem Gesang, 'Work It', 'We Came to Score' und 'Reggae Hit LA' sind dagegen ziemlich schmuddlige Reggae-Stücke, beinahe instrumental und recht jazzig. Dazwischen sind großartige, pure Instrumental-Stücke eingebettet, die auf bisher jeder Platte vor Spielfreude nur so spratzeln und sprutzeln.

Zeit war's, wieder ein Gespräch mit den Bad Guys der Reggae-Szene zu führen; Naja, wenn man Skinhead Reggae spielt – oder in ihrer eigenen Sprache: 'Dirty Reggae' – dann ist man in einer Schluffi-Szene wie im Reggae schnell mal mit einem harten Image ausgestattet. Brian Dixon ist aber trotz allem vor allem eins: ein netter Kerl. Oder eben doch ein Schluffi?

 
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Florian Heilmeyer: Glückwunsch zur neuen Platte. 'Reggae Hit L.A.' fühlt sich an, als ob ihr ein bißchen mehr auf den Roots Reggae zugegangen wärt. Andererseits ist euer Funk Reggae irgendwie funkiger, härter und schmieriger. Ihr klingt einfach vielfältiger, eure Musikstile scheinen mehr ausgereift, jeder Song ist individuell und selbstsicher. Was ist der größte Unterschied zwischen dieser und eurer früheren Veröffentlichungen?

Brian Dixon: Erfahrung. In den fünf Jahren unserer Existenz sind wir als Band einfach besser geworden. Man muß immer sehen, dass das erste Album geschrieben und aufgenommen worden ist eine Woche nachdem wir die Band überhaupt gegründet hatten! Ich denke immer noch, das 'Dirty Reggae' ein verdammt cooles Album ist, aber inzwischen sind wir einfach, naja, zufriedener mit uns selbst. Wir haben noch nie dasselbe Zeug gemacht, dass wir auf früheren Aufnahmen gemacht haben. Du kannst uns immer dabei zusehen, wie wir uns gegenseitig in Gegenden schubsen, in denen wir noch nicht waren. Anders würde es uns schnell keinen Spaß mehr machen.

Florian Heilmeyer:Was sind dann Deiner Meinung nach die größten Stärken der Aggrolites und inwiefern können wir sie auf eurer neuen Platte hören?

Brian Dixon: Unsere allergrößte Stärke ist, dass wir ALLE fünf wirklich jeden Tag jamaikanische Musik hören. Das ist ganz einfach der Grund, warum wir eine solche Platte aufnehmen können, während viele andere Bands Platten aufnehmen, die sich einfach wieder wie eine neue Slackers-Platte anhören. Nichts gegen die Slackers. Für die muß es ziemlich cool sein und schmeichelhaft, daß es überall auf der Welt so viele Bands gibt, die wie die Slackers klingen wollen. Aber du kannst an den Platten immer ziemlich genau sagen, was für Musik die Band hört. Wir hören Reggae. Andere Bands nicht.

Florian Heilmeyer: Direkt vor den Aufnahmen wart ihr fünf Monate auf Tour. War das die längste Tour in eurer Bandgeschichte.

Brian Dixon: Oh ja. 2006 war ein SEHR anstregendes Jahr für uns. Wir waren so viel unterwegs. Außerdem haben wir noch unsere zweite Platte aufgenommen. Unser Keyboardspieler schmiss hin, also suchten wir einen neuen und brachten ihm all die Songs bei, daraufhin wollte der alte Keyboarder doch wieder mitmachen. Schlagzeuger hörte auf. Wir mußten ihn ersetzen. Haben uns ein paar Jungs angesehen. Haben ihnen die Songs beigebracht. Wir hatten keinen Manager, also haben wir all unsere Geschäfte von unserem Tourbus aus gemacht. Drei von uns sind verheiratet, für die war das lange Wegsein von zu Hause beinahe ein traumatisches Erlebnis. ALL DAS und fünf Monate am Stück auf Tour.

Wir saßen in diesem Bus mit einem Anhänger, den wir natürlich selber gefahren sind. Einmal wollten wir nach Boston, was uns wegen eines Schneesturms volle SIEBEN TAGE gekostet hat. Zwei Auftritte waren schon gestrichen worden wegen des Sturms, und wir waren die ganze Zeit auf der Straße mit 30 kmh. Keine Hotels, geschlafen wurde im Bus, morgens war einem so kalt das man nicht wußte, ob man überhaupt noch lebt. Eines Nachts, als Korey den Bus fuhr, war die ganze Straße vereist und er verlor die Kontrolle, sodaß der Bus wie eine Waschmaschine zu schleudern anfing, mit dem Hänger und allem – wir haben alle unser Leben an uns vorbei ziehen sehen. Aber der Bus landete einfach perfekt gerade am Straßenrand – dahinter fein säuberlich der Hänger. Dann haben wir noch in der Nacht – ohne Handschuhe, denn wir sind Kalifornier und haben gar keine Handschuhe – Schneeketten aufgezogen, und keine von uns wußte, wie das funktioniert. Wieder im Bus haben wir den rest der Nacht damit verbracht, einigermaßen warm zu bleiben und wir waren uns alle einig: so nahe waren wir dem Tod noch nie.

Die Tour selbst war dagegen ein Kinderspiel. Die meisten Konzerte in den USA haben wir mit Bands gespielt, die keine Ska oder Reggae-Bands sind. Warum? Wir wollten so viel neues Publikum kennen lernen wie irgendwie möglich. Das hat es aber besonders hart gemacht, denn wir spielten vor Bands wie Dropkick Murphy's, The Horror Pops, Flogging Molly, The Aquabats, etc. Das sind sicher keine Reggae-Fans, also auch keine Menschen, die uns automatisch lieb haben. Um dieses Publikum für unsere Show zu interessieren mußten wir sehr hart arbeiten – das hat uns zu einer immer besseren Band gemacht, denke ich. Großartige Erfahrung.

 

Florian Heilmeyer: Ja, das wollte ich auch fragen, jetzt ist Korey Horn wieder Drummer. Was war mit Scott?

Brian Dixon: Klassischer Burnout. Er war beinahe zehn Jahre auf Tour mit verschiedenen Bands: Hepcat, The Bastard, Aggrolites, etc. Er wollte einfach eine längere Zeit zu Hause sein und genau zur selben Zeit hat sich Korey wieder gemeldet, dass er gerne wieder mit uns spielen würde. Das hat sich also mal perfekt ergänzt.

Florian Heilmeyer: Verändert sich euer Sound durch einen Schlagzeugerwechsel denn nicht?

Brian Dixon: Naja, ein wenig, aber nicht signifikant. Es ist ja so, dass Korey und Scott beide abwechselnd Schlagzeuger der Aggrolites waren in den ersten sechs Monaten der Band. Wir sind sozusagen an beide gewöhnt. Auch in früheren Bands und als Studiomusiker haben wir mit Beiden beinahe gleich viel gearbeitet.

Florian Heilmeyer: Vor eurem eigenen Album habt ihr auch noch als Backing Band für Tim Armstrongs neues Album „A Poets Life“ gearbeitet. Wie lief die Zusammenarbeit mit ihm? Habt ihr seine fertig ausgearbeiteten Songs für ihn eingespielt oder: wie viel Aggrolites ist auf 'A Poet’s Life'?

Brian Dixon: Ja, es war sogar genau eine Woche vor unseren eigenen Aufnahmen. Ein schönes Aufwärmprogramm. Prinzipiell lief die Zusammenarbeit so: Tim kam ins Studio mit seiner Akustikgitarre und rief »Ich will genau so was wie auf 'Dirty Reggae', nur mit meinen Songs und ich singe!« Er sagte die ganze Zeit, dass niemand Reggae besser kennen würde als wir, also würde er uns sicher nicht sagen, was wir wie tun sollten. „Ich sage euch nur in welcher Tonart wir spielen und ihr macht euer Ding.“ Das ist natürlich genau so, wie wir unsere Songs sowieso machen. Einer ruft die Tonart und wir jammen auf einem Rhythmus bis wir einen groove finden. Den nehmen wir dann auf, sofort, ein Take! Immer. Also haben wir Tims Album genauso aufgenommen, auch in Mono – genau wie ‚Dirty Reggae’. Hmm, wieviel Aggrolites ist also auf Tims Platte? Ich würde sagen, um auf die Frage zurück zu kommen, es sind die Aggrolites, die Tims Punksongs spielen
  

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Florian Heilmeyer: Es heißt, das Album sei in nur drei Tagen aufgenommen worden, aber ich kann nicht glauben, dass das stimmt.

Brian Dixon: Das stimmt auch nicht. Wir haben die gesamte Musik für Tims Album in anderthalb Tagen aufgenommen. Tim hat unsere Musik dann mit nach Hause genommen um seine Lyrics aufzunehmen, danach ist er erst einmal mit Rancid auf Tour gegangen, deswegen konnte er das Album erst im Herbst 2006 fertig stellen.

Florian Heilmeyer: Dann hattet ihr ja noch ein paar Tage frei bis zu den Aufnahmen für euer eigenes Album...

Brian Dixon: In den drei Tagen vor unseren eigenen Aufnahmen haben wir ja auch noch all unsere eigenen Songs schreiben müssen. Wir schreiben ja nie irgendwas auf, weil sich unsere Musik eigentlich immer erst im Zusammenspiel entwickelt.

Florian Heilmeyer: Also irgendwie hört sich das alles wahnsinnig einfach an! Und dann nennt ihr euer erstes Stück auf der neuen Platte noch „Work It“!! Welche Arbeit? Ihr schreibt eure Stücke in drei Tagen und nehmt sie in drei Tagen auf, ihr werdet reich und berühmt mit drei Alben die euch sozusagen zugeflogen sind. Welche Arbeit also?

Brian Dixon: Gute Frage. Zunächst mal sind wir nicht reich und berühmt. Wir machen nur etwas, das unterhaltsam, einzigartig und sehr soulful ist. Leute die uns besser kennen haben eine Menge Respekt für das, was wir tun und auch für die Art, wie wir es tun. Ich würde zwar zustimmen, dass die Band fast überhaupt keine Arbeit war – bis wir vor ungefähr einem Jahr angefangen haben Vollzeit auf Tour zu sein. Seitdem sind wir eine SEHR hart arbeitende Band.

Florian Heilmeyer: Hat sich denn die Arbeit im Studio für euch verändert? Benutzt ihr immer noch ausschließlich alte Geräte um euren speziellen Sound zu erzeugen?

Brian Dixon: Nein. Wir haben uns entwickelt. Unser letztes Album klingt im Grunde wie eine alte Jamaika-Platte, das meiste haben wir damals in Mono aufgenommen. Für die neuen Aufnahmen haben wir überhaupt keine alten Gerätschaften mehr verwendet. Aber alle unsere Songs werden immer noch im Studio improvisiert (bis auf einen auf der Platte, den du aber selber erraten mußt.) Ich denke, die meisten Songs auf der Platte sind immer noch in unserem geliebten 'Early Reggae'-Style, live und roh, aber wir sind insgesamt etwas mehr in Richtung 70er Jahre gerutscht. Wenn wir uns nicht weiter entwickeln, dann langweilen wir uns.

Florian Heilmeyer: Beim Titelsong „Reggae Hit L.A.“ klingt ihr beinahe so, als wärt ihr sehr froh nach all eurem Touren wieder zu Hause in Kalifornien zu sein. Seid ihr glücklicher zu Hause als auf Tour?

Brian Dixon: Die verheirateten Jungs wollen immer zu Hause sein. Die Ungebundenen wollen lieber on the road sein.

Florian Heilmeyer: Bei 'Free Time' hingegen werden Schwierigkeiten mit dem Partner zum Thema, wenn man lange nicht zu Hause gewesen ist. Basiert das auf echten Erfahrungen?

Brian Dixon: All unsere Texte basieren mehr oder weniger auf Erfahrungen, die einer oder mehrere aus der Band gemacht haben. „Free Time“ war so eine Erfahrung. Einige der Jungs hatten echt Probleme, so lange von ihren Familien getrennt zu sein. Es ist einfach für alle Beteiligten schwierig.

Florian Heilmeyer: Wie seid ihr auf den Titel eurer Platte gekommen? Ist das auch ein Bekenntnis zu Los Angeles?

Brian Dixon: Es ist so viel Los Angeles in unserer Musik! Ska- und Reggae-Bands, die aus LA kommen, haben so einen einzigartigen Klang – und hatten den auch schon immer. Es ist wirklich schade, dass wir die einzige Band aus dieser Szene sind, die in den letzten Jahren wirklich aus LA raus gekommen ist, sonst könntet ihr Menschen da draußen die Gemeinsamkeiten der Aggrolites mit anderen LA-Bands besser hören. Aber so müßt ihr das einfach glauben: LA hat einen sehr eigenen Sound.

Florian Heilmeyer: Was ist mit Track16? Eine versteckte Nachricht vielleicht? Ich habe ihn rückwärts gespielt, aber es ist immer noch einfach nur eine (minutenlange) Rhythmustrommel...

Brian Dixon: Haha. Der echte 'hidden track' ist auf der CD vor Track 1. Du mußt zurück spulen, dann kannst du ein garage demo von unserem 'Aggrolites'-Album hören... (verdammt, stimmt, diese Trickser - fh)

Florian Heilmeyer: Was passiert bei euch demnächst?

Brian Dixon: Noch mehr touren. Neues Album sollte im Juni 2008 fertig werden. Im herbst kommt auf Axe Records THE KING TERROR ALBUM, ein Dub-Projekt auf dem wir die Musik machen werden.

Florian Heilmeyer: Danke Dir. Bis bald im Konzert.

 

Florian Heilmeyer

    

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