Dirty Reggae von Florian Heilmeyer

  

Wenn es Bands wie die Aggrolites öfter geben würde hätte man überhaupt keine Probleme mehr bis auf eines: sich stets neue Superlative ausdenken, was man über die Fülle an hochklassigen Bands und hochklassigen Alben schreiben könnte. Aus dieser Perspektive ist es ein Glück, dass Bands wie die fünf Kalifornier nur sehr selten auftauchen.

Nach dem Jahr 2000 fallen an der US-amerikanischen Westküste etliche traditionelle Ska- und Reggae-Bands auseinander als hätte jemand das falsche Domino-Steinchen bewegt: Hepcat, See Spot, Kingston 10, The Israelites. Viele Musiker mit jahrelanger Erfahrung sind nun an keine Band mehr gebunden – Sessionmusiker im besten Sinne. Als Derrick Morgan nach Kalifornien kommt um einige Konzerte zu spielen holt er sich Musiker von The Vessels und The Rhythm Doctors ('Reggae Injection', TKO Records, 1999) zusammen. Einem, wie man hört, hervorragenden Konzert soll ein Plattenprojekt mit dem großen Meister folgen.

Im Studio in Kalifornien setzen sich Brian Dixon (Gitarre hinten links) und Jesse Wagner (Stimme und Gitarre mitte vorne) zum ersten Mal für längere Zeit an einen Tisch und beginnen die Arbeiten an dem Derrick-Morgan-Album, aus dem niemals etwas geworden ist. Die gemeinsame Arbeit im Studio bewies sich sehr schnell als so fruchtbar, daß hier nach der Hinzunahme von J Bonner am Bass, Roger Rivas an der Orgel und Scott Abels am Schlagwerk die Wiege der Aggrolites aufgeschlagen wurde.

Skinhead Reggae nennen sie es; diese Programmbeschreibung ist heute ja sowieso wieder kurz davor, das neue alte Ding im Reggae zu werden. Trojan wirft die passenden Themensampler auf den Markt ('Trojan Skinhead Reggae Box Set', 2002) mit allen Klassikern dieser Musik, die in den heißen englischen Sommern von 1968 bis 72 ihre Hochphase hatte, bevor die Skinheads erst einmal wieder verschwanden und später als faschistoide Witzfiguren ihre frankenstein-artige Wiederauferstehung feierten. Heute kann man wieder Skinhead sagen ohne dass es eine Sondersendung bei RTL gibt. Die Aggrolites gehen aber noch weiter, nennen ihre Musik Skinhead Reggae und ihre erste Platte 'Dirty Reggae', was eine der allerbesten musikalischen Schubladenkreationen der letzten zehn Jahre ist. Dirty Reggae. Mehr muss man nicht sagen.

 

Brian Dixon hat es trotzdem mal ausführlich beschrieben: 'Spiel es wieder und wieder in endlosen Versionen, du wirst nie überdrüssig davon. Der Groove ist der Punkt, Groove bewegt die Menschen und sie fangen an zu tanzen…er kam von einer kleinen Insel über die ganze Welt, er scheint auf natürlich Weise mit Soul zusammen zu hängen, Reggae ist Soul.'

Dirty Reggae - rau, dreckig, schmutziger Soul, herber Funk, aber mit der Harmonie und der Gelassenheit des Reggae.

Für das Debutalbum gab es so viel Lob, das man sich schon Sorgen machen mußte. Unnötig, die Aggrolites haben das Lob bescheiden hingenommen und weiter, vielleicht mit etwas mehr Selbstbewußtsein an ihrem zweiten großen Album gearbeitet, diesmal für Hellcat, die schon sehr früh auf die Kalifornier aufmerksam  wurden. Aber sie haben wieder hart gearbeitet. Wie zum Beweis für ihr Selbstbewußtsein haben sie das zweite Album schlicht nach sich selbst benannt. Hört her, das hier ist unser Sound, es ist die Definition von dem, was die Aggrolites machen, wer sie sind und wie sie klingen. Die eigenständige Mischung aus Funk, Soul und Reggae scheint jetzt noch mehr definiert, festgenagelt zu einer Mischung, die eindeutig Aggrolites ist - es ist eben nicht so, daß ein Lied Soul ist, das nächste Funk, das nächste Reggae. Die Kalifornier verschmelzen die Musikstile. Rauer Gesang, dickliche Orgel, scheppernder Rhythmus. Wunderbare Melodien, tief in der Vergangenheit verwurzelt, stämmig und eigenständig in der Gegenwart. James Brown, Jackie Mittoo, Crystalites und Aggrovators, Derrick Morgan, Harry J Allstars, Lloyd Charmers, diese Musik hat zu viele Väter um sie zu nennen und sie sind alle stolz auf ihren neuesten Bastard.

 
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Florian Heilmeyer im Gespräch mit Brian Dixon im Juli 2006.

Wie bist Du selbst zum Ska und Reggae gekommen?
Als Kind wußte ich noch nicht viel davon, obwohl ich dem Rhythmus schon Anfang der 80er verfallen war. Ungefähr 1987 muß es gewesen sein, als ich eher zufällig auf ein Konzert einer kleinen lokalen Band namens 'Let’s Go Bowling' geriet und das wars. Ich habe angefangen, immer nach mehr und noch mehr Ska zu suchen, habe dann jamaikanische Ska-Sampler gekauft – ich hatte noch nie vorher von dieser Vorform von Reggae gehört und je mehr ich fand, desto mehr gefiel es mir.

Außer den Rhythm Doctors und The Vessels – mit welchen anderen kalifornischen Reggaebands habt ihr vor den Aggrolites noch gespielt?
Mit einer stattlichen Anzahl von Ska- und Reggaebands, die wahrscheinlich noch niemand bei euch jemals gehört hat: SeeSpot, Checkmate, Full Spectrum… Unser Schlagzeuger ist der einzige, der mit recht bekannten Bands zusammen gespielt hat, z.B. Hepcat, Let’s Go Bowling, Lars Frederiksen & the Bastards. Wir sind in gewisser Weise alle Studiomusiker, haben mit verschiedenen 'All Star'-Bands viele, viele Studioaufnahmen gemacht für unterschiedliche Produzenten.

Was ist aus den Vessels und den Rhythm Doctors geworden?
Genau wie die meisten Ska- und Reggaebands in Los Angeles haben sich beide Bands um 2000 herum aufgelöst. Im Augenblick gibt es eine kleine Gruppe von Ska- und Reggaemusikern, die sich frei von Band zu Band und Sesion zu Session bewegen. Daraus rekrutieren sich auch unsere Gastmusiker für Posaune, Saxophon, Trompete und der größere Teil unseres Backgroundchors (16 Jungs als Backgroundsänger!)

Warum rekrutiert ihr eure Bläsersektion aus Gastmusikern? Warum habt ihr keine festen Bläser in eurer Band, mindestens ein Saxophon?
Naja, wir hätten schon gerne einen kompletten Bläsersatz, wir hätten auch gerne noch einen Pianisten und etwas Percussion, aber das sind einfach zu viele hungrige Mäuler.

Wie habt ihr euren Sound entwickelt? War es eine natürliche Verschmelzung eurer beiden Vorgängerbands, ist er sozusagen einfach da gewesen, oder habt ihr hart in eine bestimmte Richtung gearbeitet?
Wir haben alle viele Jahre lang in verschiedenen Bands vorher gespielt, zusammen haben wir also Erfahrung in wirklichen allen Spielarten von jamaikanischer Musik. Für die Aggrolites wollten wir uns ganz speziell auf die früheste Phase des Reggae konzentrieren, zwischen 1969 und 1971. Jeder von uns hat diese spezielle Musik eine lange Zeit studiert. Als wir uns entschlossen, eine Band zu gründen kam es alles sofort zusammen.

Ihr habt im Studio selber die Aufnahmen gemacht und gemischt. Habt ihr spezielle Aufnahmetechniken für diesen Sound? Wie habt ihr diesen fantastischen, leicht unfertigen, rauen Sound aufnehmen können?
Wir nehmen nur Equipment, das man schnell aufbauen kann. Wir müssen nicht unbedingt Oldtimer-Ausrüstung haben um unseren „alten“ Sound zu erreichen. Wir konzentriereun uns einfach auf wirklich gute Ausrüstung. Ich bin ausgebildeter Studiotechniker, unser Bassist und unser Schlagzeuger haben ihre eigenen Studios zu Hause. Wir haben in den zurück liegenden Jahren so viele Stunden in Studios verbracht, als die Aggrolites zusammen kamen wußten wir also nicht nur, welche Musik wir machen wollen, sondern auch wie wir diesen Sound im Studio hinkriegen würden. Keiner von uns war bislang in einer Band, in der alles so gut zusammen passt wie jetzt.

 
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Euer Sound untermalt die raue Soul-Stimme von Jesse Wagner perfekt. Wie groß ist der Einfluss dieser Stimme auf die Musik?
Die Stimme beeinflußt die Entwicklung der Musik überhaupt nicht. Wir entwickeln immer zuerst den Rhythmus. Jesse nimmt sich die Rhythmen, die er mag und schreibt dazu die Texte. Ich glaube, es ist umgekehrt der bissige Rhythmus, der das 'Aggro' in Jesses Stimme herausholt oder bestimmt.

Was bedeutet Aggro in eurer Musik?
Reggae ist harte Musik, ein harter Rhythmus und ein rauer Klang. Wir spielen ihn ohne Kompromisse. We bring the Aggro!

Was ist dann 'Dirty Reggae'?
Das ist unsere Version von frühem Reggae. Wir sind alle mit nordamerikanischem Soul und Funk der 1960er Jahre aufgewachsen, das ist die Musik, mit der auch die jamaikanischen Musiker damals groß geworden sind. Wir spielen deren Reggae, betonen dabei aber Soul und Funk.

Wie beurteilst du die Unterschiede zwischen euren Studioaufnahmen und euren Liveauftritten?
Im Studio spielen wir ausschließlich was wir fühlen. Wir haben dabei zwei Regeln:

1 - ALLE MUSIK MUSS IM STIL DES FRÜHEN REGGAE GESPIELT WERDEN.

2 – ALLE MUSIK MUSS IMMER IMPROVISIERT SEIN.

Wir haben also keine vorher geschriebenen Songs oder Songideen. Wenn wir live spielen improvisieren wir wenig, wir spielen die Songs unserer Platten. Wir wollen das aber so unterhaltsam wie möglich machen. Viele Ska- und Reggaebands spielen sehr eintönige Konzerte, die zum Zuschauen langweilig sind. Das wollen wir ändern. Jemand in Frankreich hat mal gesagt, wir sähen aus, als würden Sick Of It All Stücke von den Upsetters spielen.

Wer ist Steve 'Millwall' Bivand? Ihr habt 'Sound of Bombshell' seiner Erinnerung gewidmet.
Steve war ein Old-School-Skinhead, den wir in England kennen gelernt haben. Er war ein großer Reggae-Sammler und hatte ein eigenes Soundsystem, das er 'Sound of Bombshell' nannte. Er ist 2005 gestorben. Wir vermissen ihn.

Ich habe probiert, einige eurer Stücke und Rhythmen nachzuverfolgen, denn einige klingen sehr direkt verwandt mit jamaikanischen Vorbildern. Ist 'Sound of Bombshell' verwandt mit dem Crystalites-Song 'Bombshell'? In 'Love Isn’t Love' höre ich viel aus 'John Jones'?
Es ist sicher möglich, bei vielen unserer Stücke enge Verwandtschaften mit frühen Reggae-Tunes zu finden. Aber die Art wie unsere Stücke entstehen verhindert auf jeden Fall, daß wir irgend jemanden kopieren (hoffe ich zumindest), denn wir improvisieren die meiste Zeit 'live' im Studio. Da wir tagein, tagaus so viel Reggae wie möglich hören ist es unvermeidliche, daß Ideen und Fragmente von alten Stücken in unseren Songs auftauchen.

Wie kann ich mir also eure Arbeit im Studio vorstellen. Hört ihr euch direkt vor dem Improvisieren alten Ska und Reggae an?
Nein. Wir hören ganz absichtlich direkt vor den Aufnahmen überhaupt keinen Reggae, wir reden nicht einmal über Reggae. Für das Improvisieren ist es ja gerade absolut essentiell, keine anderen Songs und Melodien im Kopf zu haben.

Was ist eure Lieblingsdroge im Studio?
Wir nehmen überhaupt keine Drogen. Am Ende einer Session trinken wir normalerweise einige Bier, das ist dann die Zeit, unsere Partysongs zu machen: 'Aggro', 'Funky Fire', 'Hot Stop', 'Dirty Reggae'.

Hat der Labelwechsel etwas an eurer Musik verändert?
Nein. Hellcat wollte die Aggrolites, nichts anderes. Wir sind eine einmalige Band, niemand würde wohl von uns verlangen, etwas anderes zu sein. Und wir würden keinerlei Kompromisse eingehen wollen, dafür spielen wir schon zu lange jamaikanische Musik. Das neue Album klingt vielleicht erwachsener. In den letzten drei Jahren, die wir zusammen spielen, haben wir uns gegenseitig einige Tricks gezeigt, wie wir noch besser spielen können.

Was für ein Publikum kommt zu euren Konzerten?
Jeder, der guten alten Reggae mag, als prinzipiell jeder Mensch. Reggae ist für alle.

Fühlt ihr euch denn der Skinhead-Kultur verbunden?
Natürlich. Niemand kann Skinhead Reggae spielen, wenn er nicht in irgend einer Form mit der Skinhead-Bewegung in Kontakt ist. Eine Menge unserer Freunde sind Skins und offensichtlich eine Menge unserer Fans auch. Die Jamaikaner, die den Skinhead Reggae erfunden und gespielt haben, waren selbst keine Skinheads. Wir sind auch keine. Die allermeisten Skins scheinen das zu verstehen. Skinheads, Mods, Rudeboys, Punks…wir interessieren uns nicht dafür, in welche Subkultur sich die Menschen einordnen. So lange du den Sound von Aggro magst bist du in Ordnung.

Hast du das Gefühl, das sich das Skinhead-Publikum in den letzten Jahren verändert hat? Gibt es noch rechte Skinheads in Kalifornien?
Hmmmmmmmmmmmm, schwierig zu sagen. Wir leben in Los Angeles, was irgendwie wie ein ganz eigener Staat ist, es ist so vollkommen anders als der Rest der USA. In Los Angeles ist es „fad“, Skinhead zu sein. Das heißt es ist für Jugendliche eine normale Mode: man wird für kurze Zeit Skin und dann wird man etwas anderes. Natürlich gibt es auch Skinheads, die dabei bleiben, aber das sind wenige. In England ist es anders, wo die Leute sich wirklich für einen 'way of life' entscheiden. Ich gucke natürlich auf England aus einer Distanz, aber dort gibt es Skinheads die 50 oder 60 sind! Ein GROSSER Unterschied, der mir aufgefallen ist, ist dass die meisten Skinheads hier inzwischen zum Reggae gekommen sind; früher waren sie hauptsächlich Oi! Ich glaube, dass die Trojan-Boxen über „Skinhead Reggae“ viel dazu beigetragen haben…. Wenn man Skinhead ist muß man auch etwas mögen, wo 'Skinhead Reggae' draufsteht, richtig?

Aber ich bin kein Skinhead Experte. Ich kann nur darüber reden, was ich in meinem direkten Umfeld sehe.

 

Florian Heilmeyer

    

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