Die Geschichte von Jimmy Jazz – Ska in Polen
Dzidek Jodko vom polnischen Label Jimmy Jazz im Interview mit Florian Heilmeyer
  
Ferne Länder, nette Menschen, weißer Strand und feine Skamusik. So muß mein persönliches Paradies ausgestattet sein. Aber bis es dereinst soweit ist bin ich nicht nur bemüht, ein guter Mensch zu sein. Darüber hinaus bemühe ich mich, noch zu Lebzeiten die legendärste Sammlung der Welt mit fremdsprachigem Ska und Reggae zusammen zu tragen. Von jeder meiner Reisen in die entlegenen Winkel komme ich erst zurück, wenn ich den Eingeborenen für einen Sack feinsten Glasschmucks einen Tonträger mit ihrer Variante der jamaikanischen Musik abgehandelt habe. So verfüge ich bereits über eine breite Auswahl von südamerikanischem Ska (vor allem Peru, Chile, Argentinien, Brasilien); Ska auf finnisch; Ska auf tschechisch und schwedisch. Griechisch-sprachiger Ska und Ska auf kroatisch. Einen wunderbaren Sampler mit Offbeat in verschiedenen afrikanischen Sprachen (!). madna.jpg
 
Neben der Musik, die sich sammelt, sammelt sich auf dieser Suche auch ein reicher Erfahrungsschatz an liebenswürdigen Menschen und netten Erlebnissen. Gerade in den Ländern mit –sagen wir mal- nicht so weit verbreiteten Sprachen freuen sich viele Menschen oft über das Interesse. So war es auch im polnischen Szczecin, inzwischen vor über vier Jahren, als wir durch vier verschiedene Musikläden in die absurdesten Viertel geschickt wurden, weil ich eben keinen neuen West-Ska haben wollte; das hätte ich überall in lustigen, selbst gemachten Verpackungen für einiges Geld kaufen können. Nein, es sollte polnischer Ska sein, möglichst in der einheimischen Sprache. In einem düsteren Heavy-Metal-Laden, der auch problemlos ein größeres Sortiment deutscher Runenpullover ausliegen hatte, spielte mir der langhaarige Verkäufer sofort und mit großem Vergnügen sein Sortiment an polnischen Ska-Kassetten vor. Es war ja auch sonst niemand im Laden, und abends gingen wir trinken und auf ein Konzert einer brachialen polnischen Heavy-Screamo-HC-wasweissich-Band, deren Namen ich mit viel polnischem Vodka von meiner zerebralen Festplatte gelöscht habe.
 
Aber – ich besaß die erste polnischsprachige Skakassetten: SKAMPARARAS mit fröhlichem Skapunk ohne Überraschungen und einen Sampler von einem Label namens „Rock’n’Roller editions“: eine Kassette mit verschiedenen Bands, die ausnahmslos auf polnisch sangen und Offbeat in fast allen Spielarten. Seitdem habe ich immer mal wieder probiert, mit dessen Führungspersonal um Dzidek Jodko und Ende 2005 ist es gelungen, ein Interview über die Ska-Geschichte in Polen zu führen.
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Wann kam die Skamusik Deiner Meinung nach das erste Mal nach Polen?

So weit ich weiß war die allererste Skaplatte in Polen eine Vinyl-EP namens »Alibabki I Tajfuny w rytmach Jamajca Ska«. Sie erschien 1965 auf einem Label namens Veriton. Später soll es wohl auf demselben Label noch einen EP mit Judge-Dread-Stücken gegeben haben, aber ich habe sie nie gesehen. Es war die Zeit, als Skamusik in Westeuropa zum ersten Mal sehr populär wurde und ich glaube, Veriton Records wollten diese Welle nach Polen bringen. Aber ohne Erfolg. Ende der 70er gab es KRYZYS aus Warschau, die versuchten, Ska und Rocksteady wie MADNESS in England zu spielen. Von ihnen gibt es einige legendäre frühe Demos, die durch die Fans verteilt wurden, denn die ersten offiziellen KRYZYS-Platten waren eher Punk. Die erste polnische Skaband, die sich über längere Zeit recht populär halten konnte, waren MR. ZOOB in den Achtzigern, deren viertes Album sogar von Universal veröffentlicht wurde. Ich habe schon lange nichts von ihnen gehört, aber eigentlich sind sie noch aktiv.
  
Erzähle uns die Geschichte von Deinem Label, »rock’n’roller editions«.

Meiner Meinung beginnt so etwas wie Skamusik aus Polen erst Anfang der Neunziger. Vorher gab es nur vereinzelte Bands und Platten, aber mit „Rock’n’Roller“ wollten wir uns wirklich auf Ska konzentrieren. Als wir 1989 anfingen kannte kaum jemand in Polen diese Musik jenseits von MADNESS, und wenn, dann war die Musik nur stark in der Skinheadszene.
RNR ist beinahe zufällig entstanden, zunächst war es eigentlich nur ein kleiner Plattenladen in Szczecin mit Musik, die wir selber gut fanden. Jahr für Jahr haben wir begonnen, immer neue Dinge auszuprobieren, zum Beispiel die Kooperation mit Matzge vom Berliner Skalabel Pork Pie. Matzge hat uns damals sehr geholfen, und der deutsche Ska auf Pork Pie Ende der Achtziger Jahre war für uns in Polen enorm wichtig: SKAOS, BUTLERS, BUSTERS, NO SPORTS. All die Bands von den „Ska…Ska...Skandal“-Samplern. Wir haben diese Veröffentlichungen für Polen auf Kassette herausgebracht, Kassetten waren damals sehr populär und wichtig. Auch die Veröffentlichungen von Grover Records haben wir dann in Polen herausgebracht, MR. REVIEW, DR. RING-DING. All diese Platten haben sehr viel dazu beigetragen, dass so etwas wie eine polnische Skaszene überhaupt erst entstanden ist. Ende der 90er war RNR plötzlich das wichtigste polnische Ska- und Punklabel mit 80 bis 100 Titeln auf Kassette und CD und unserem eigenen Musikmagazin GARAZ, das auch in Tschechisen, Ungarn, Russland und in der Slowakei vertrieben wird.

2000 haben wir RNR geschlossen, weil wir private Probleme miteinander bekamen. Ich setze viele dieser Aktivitäten jetzt mit Jimmy Jazz Records fort, auch das GARAZ führe ich weiter. Ich bin ehr stolz, dass wir 2005 15 Neuerscheinungen mit Ska, Punk und Rockabilly veröffentlicht haben, die nächste Ausgabe von GARAZ hat eine Auflage von 3300 und eine CD-Beilage.
 
Ich habe mir in Szczecin eure Compilation »polSKA Norma« gekauft. Diese Kassette erweckt den Eindruck, als gäbe es eine sehr große, stabile polnische Skaszene. Ist das so?

Nein. Sieh mal, polSKA ist jetzt schon vor etlichen Jahren veröffentlicht worden, mit vielen Stücken und Livemitschnitten, die nie irgendwo anders veröffentlicht wurden. Seitdem warte ich auf gute Bands, denn ich will sehr gerne einen zweiten Teil davon machen, aber … Stille. Es gibt schon immer noch ein paar polnische Bands, die so etwas wie Ska spielen, aber ich sehe keine Bands, die qualitativ gut genug wären. Ich will einen zweiten Teil nur mit echten Ska- und Rocksteadybands machen, nicht mit Folk oder Punkbands, die auch mal ein Offbeatstückchen machen. Mal sehen. Bald kommt die EP der KONOPIANS, dann neue Alben von VESPA und SKAMPARARAS und die Debuts von DESKA und FAZA. Dann sehe ich weiter.
    
Es ist für osteuropäische Bands immer noch sehr, sehr schwierig, in Westeuropa bekannt zu werden. Bands wir ELVIS JACKSON, POLEMIC und PRIDIGARJI füllen große Hallen in ihren Herkunftsländern, spielen aber nie in den westeuropäischen Nachbarländern. Warum nicht?
Einerseits sind osteuropäische Labels und Musikfirmen sehr wenig interessiert an diesen Independent-Bands, es gibt praktisch keine Promotion. Die Musiker müssen dass also im Prinzip selber machen. Zum Beispiel Polen: Vor zehn Jahren hatten wir in meiner Stadt ungefähr zwanzig kleinere Musikläden, heute gibt es noch einen und 5-6 große Läden, die ausschließlich die Platten der Majors verkaufen. Die kleinen Läden sind zerstört worden und mit ihnen unabhängige Vertriebsstrukturen. Das heisst, so lange eine Band nicht auf diesen Majors landet, steht ihre Platte auch nicht im Laden.

Und außerhalb Osteuropas sind diese Bands ebenfalls selten interessant. In jedem Land gibt es immer einheimische Stars, aber oft ist es so, dass die auch nur Musik machen, die so ähnlich ist wie die Musik einer anderen, vielleicht westeuropäischen Band. Es gibt in Europa sehr viele Gruppen, die sehr ähnliche Musik machen. Ich finde ELVIS JACKSON zum Beispiel völlig uninteressant, weil sie ihre Musik einfach von MTV kopiert haben. Ein weiterer Grund ist natürlich die Sprache: wenn osteuropäische Bands meist in osteuropäischen Sprachen singen ist das sicher ein weiteres Hindernis für einen Erfolg in Westeuropa.
  
Auch auf den deutschen Festivals wie ROSSLAU, SUMMER SAFARI und POTSDAM spielen sehr selten polnische Bands, was nicht an der räumlichen Distanz liegen kann.

In Rosslau haben schon ab und an polnische Bands gespielt, aber im Großen und Ganzen sind die polnischen Bands, glaube ich, qualitativ einfach nicht gut genug, um sich gegen die westeuropäische Konkurrenz durchzusetzen. Wenn die Veranstalter solche Bands auftreten lassen, dann ist es bislang oft nur als „Attraktion aus dem Ostblock“, nicht weil sie besser spielen. Aber in der ersten Liga werden natürlich DERRICK MORGAN oder DR. RING-DING immer größere Attraktionen bleiben….
Aber kommt doch derweil zu den Festivals in Polen: im Mai 2004 hatten wir in LOWICZ das erste echt polnische Skafest gefeiert SKA NAD BZURA mit SKAPOINT, BANDITOS, den Berlinern SKATOON SYNDIKAT und SKARFACE aus Frankreich.
 
Eine Einladung, der wir mit Sicherheit bei nächster Gelegenheit folgen werden.

Florian Heilmeyer

www.jimmyjazz.pl
http://www.jimmyjazz.pl/
www.soundcrazy.pl
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Ska-Fotos aus Polen

  

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