Madness: »Das ist keine Reunion! Wir waren nie getrennt!«
Madness im Gespräch mit Florian Heilmeyer - 2005
 
Die Geschichte von MADNESS ist ohne Frage eine Geschichte der Superlative. Keine Band der Welt hat es davor und danach geschafft, einen soliden Ska-Rhythmus mit derartig eingängigen Popmelodien zu kreuzen. 414 Wochen in den Album-Charts, 268 Wochen in den Single-Charts, über 5 Millionen Single-Verkäufe alleine in Großbritannien!

Das viele dieser Lieder Adaptionen von früher schon erfolgreichen Stücken waren – bis heute ist es Streitfrage, ob man MADNESS das vorwerfen kann, oder ob es angesichts der enormen Zugkraft, die diese Gruppe auslöste, völlig nebensächlich bleibt; angesichts des berauschenden Erfolgs, dass sich noch heute viele Bands unumwunden dazu bekennen, nur durch die Musik dieser Engländer zum Ska gekommen zu sein, würde ich sagen: wen juckts. In der ganzen Musikgeschichte ist immer Geklaut oder Weiterentwickelt worden, und auch Prince Buster hat sich bei Anderen bedient. MADNESS schließlich, bei denen ja sogar der eigene Name einem Stück von Prince Buster entnommen wurde, dürfen also ruhig als Hommage an den alten Ska der Insel Jamaika gefeiert werden. Diebstahl findet woanders statt.

Madness haben zwischen 1978 und 1984 in schneller Folge eine unglaubliche Serie an Klassikern veröffentlicht, die kommerziell erfolgreich waren. Die ersten zwanzig Singles dieser Band waren alle in der Top20! Aber genauso schnell setzte auch der Niedergang ein, schon 1983 verliessen die ersten Gründungsmitglieder die Band, die Gruppe verlor ihre Markenzeichen Humor und Energie in Experimentalstücken wie 'Victoria Gardens' oder 'Michael Caine'. 1986 folgte die offizielle Auflösung, über Folgeprojekte wie die Nutty Boys sei der höfliche Mantel des Schweigens gelegt.

Ganz weg waren Madness allerdings nie. In den Neunzigern riefen sie 'Madstock' ins Leben, ein sich jährlich wiederholendes Zwei-Tages-Festival mit – na klar - einem Madness-Auftritt als Höhepunkt. Dort traten sie mit Morrissey auf, mit Ian Dury, sowie mit ihren eigenen Idolen Prince Buster, Desmond Dekker, Toots. Madness haben mit beneidenswerter Leichtigkeit diesen Status erreicht, mit dem man sich Träume erfüllen kann. Fans reisen aus der ganzen Welt an, was Madness dazu bewegt, sich 1999 noch einmal ins Studio zu begeben und 'Wonderful' aufzunehmen.

»Wir waren 15 Jahre lang nicht zusammen in einem Studio gewesen«, sagt Keyboarder Mike Barson, der mir in der Interviewsuite des Radisson SAS in Berlin gegenüber sitzt und exakt so aussieht, wie er die letzten zwanzig Jahre ausgesehen hat. »Wir haben uns überhaupt keine Gedanken darüber hinaus gemacht, wir wollten einfach ein neues Madness-Album machen. Ich finde das Album sehr gut, aber wir haben damals keine Promotion gemacht, keine Tour. Es war eine deprimierende Zeit. Weil wir überhaupt keine Pläne mit Madness hatten fanden wir uns plötzlich im Frühstücksfernsehen wieder, wo wir unser neues Album vorstellen mussten. Wir hätten mehr daraus machen müssen.«
 
Seitdem gab es nur Gerüchte und 2004 begingen Madness das 25jährige Jubiläum ihrer ersten Platte mit einem winzigen Konzert in Camden. Unter dem Decknamen The Dangermen spielt die Originalbesetzung von Madness fast nur Coverversionen alter Skalieder. Der Nicht-Ska-Fan kann sich das so vorstellen, als ob die Rolling Stones nur 50er Jahre Folksongs spielen würden. Und der Vergleich hinkt überhaupt nicht: was die Stones für den Bluesrock waren, exakt dasselbe waren MADNESS für Ska und Reggae. Hier wie dort griff man tief in die alten Kisten, bevor man Eigenes entstehen liess und auch der Popularitätswert und der kometengleiche Aufstieg sind stabile Parallelen. MADNESS – die Rolling Stones des englischen Ska. madna.jpg
 
»Das waren damals viele Faktoren, die uns als 'Dangermen' zusammen brachten. In der Zeit, in der wir immer als Madness live gespielt haben und immer die alten Lieder gespielt haben, hatten wir das Gefühl, nur einfach die Kuh zu melken. Wir haben nur genommen. Nach 'Wonderful' hatten wir das Gefühl, etwas Neues, etwas Anderes machen zu müssen, und zu dieser Zeit waren es besonders [Sänger] Suggs und ich, die der Motor für Madness waren. Madness war immer eine Gruppe mit verschiedenen Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten besonders viel in die Musik investiert haben. Ich glaube übrigens, nur so funktioniert eine Band über eine lange Zeit: wenn die Last auf mehreren Schultern liegt. Zu der Zeit nach unserem Album waren es also Suggs und ich, wir wollten etwas machen. Und wir lieben den alten Ska. Suggs war dann auch der, der dieses Album machen wollte.«

So ist 'The Dangermen Session Volume 1' ein Album mit ausschließlich Coverversionen geworden. Und Madness covern keine unbekannten Stücke: 'Shame and Scandal', 'Chase the Devil', 'Israelites', 'John Jones'.

»Wir haben sehr viel Arbeit mit diesem Album gehabt. Am Anfang haben wir Leuten Demos vorgespielt und dann haben wir uns überlegt, warum die Leute nicht so begeistert sind wie wir. Wir hatten schon die absolut besten Stücke von Dekker, Max Romeo, Lord Tanamo, Prince Buster. Also haben wir uns noch mal hingesetzt und etwas ganz Besonderes aus jedem Stück gemacht. Jetzt hoffe ich, dass niemand Madness-Fan sein muß, um dieses Album zu lieben.«
 
Und Madness gehen noch weiter. »Ja, wir wollten das es ein Album zum Tanzen wird. Ein Spaß-Album!«

Sie nehmen uns mit in die Vergangenheit: neben den erwähnten Skastücken spielen sie auch die Kinks, Bob Marley und Diana Ross.

»Es ist ein Album über unsere Roots. Das waren die Stücke, die damals überhaupt zur Gründung von Madness geführt haben. Das waren quasi die Stücke, die zu der Zeit unserer Gründung aktuell, cool oder angesagt waren. Und es sind Leute aus der Band mit Vorschlägen gekommen, welche Lieder sie gerne spielen wollen. Es ist eine Art persönlicher, musikalischer Querschnitt durch unsere Jugend und Kindheit. Letztlich haben wir die Lieder dann live getestet und entschieden, welche die meiste Kraft haben.«
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Und wo wir schon übers Kühe melken gesprochen haben, war es wohl an der Zeit zu fragen, wieso die alten Männer die Platte dann zwar als 'Dangermen Sessions' titulieren, aber doch unter dem verkaufsfördernden Namen MADNESS feil bieten.

»Ja, wir haben auch darüber diskutiert ob wir das Album als 'The Dangermen' veröffentlichen, weil es keine neuen Madness-Stücke enthält. Aber hey! Wir sind alle wieder zusammen und wir SIND Madness! Wo wollen wir denn da die Grenze ziehen? MADNESS haben immer auch Stücke gecovert.«

Aus den Fehlern, die die Band mit 'Wonderful' gemacht hat, wurden die entsprechenden Lehren gezogen. Das ist schon an dieser reinen Promo-Tour zu sehen, die Mike und Suggs durch Europa führt. Was ist also in der Zukunft zu erwarten?

»Wir haben das Album 'Volume One’ genannt, ja, aber das ist nur eine Idee. Ich persönlich denke schon, bevor wir ein neues Madness-Album machen, sollten wir zwei oder drei dieser Alben machen. Das würde uns gut tun. Vielleicht würde alles, was um Madness herum ist dadurch etwas stabiler. Aber andere mögen darüber anders denken.«

Irgendwann will man in der Formation, mit der die Aufnahmen für die Platte gemacht wurden, dann auch auf Tournee gehen, auf jeden Fall durch Europa und bei entsprechender Resonanz auch weiter.

»Aber siehst Du, es ist alles schon irgendwie eine ganze Weile her. Wir sind viele Leute, jeder hat irgendein Leben und MADNESS war schon lange nicht mehr der totale Mittelpunkt dieser Leben. Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, wieder als MADNESS regelmässig zusammen zu spielen, weil es Spaß macht. Aber ob wir das schaffen weiß ich nicht.«

Florian Heilmeyer

  

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