THE SLACKERS: Dub Me Good von Florian Heilmeyer
 
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  Fotos: © Urs - ska-pics
 
Wenn ich mich hier also einfach hinstelle und behaupte, die SLACKERS sind die beste Band der Welt, wer würde es wagen, mir zu widersprechen? Genau: niemand. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Die Slackers spielen nicht einfach nur einen authentischen 60s-Ska, der sich dreimal gewaschen hat (auch hinter den Ohren), sie zelebrieren diesen krachigen, knarzigen Sound, den uns die Skatalites in Obhut gegeben haben. Da uns die erste Generation jamaikanischer Musiker nun langsam aber sicher verlässt, um im Himmel eine granatenstarke Allstarband zu gründen (die Tränen für Laurel Aitken sind noch nicht ganz trocken), ist es schön, dass er uns erhalten bleibt: der Spaß an der Musik, das individuelle Können einer Gruppe nicht mehr ganz so junger Musiker und der unbedingte Wille, die Leute zum Tanzen zu bringen. Im Berliner KATO sind die New Yorker eigentlich gerade erst gewesen, aber das hält sie nicht davon ab, schon wieder da zu sein. Wie beim letzten Konzert haben sie wieder keine Vorband mitgebracht, sondern spielen lieber zwei Sets. Im dem aus den Nähten platzenden ehemaligen Kaufhaus unter der Hochbahn wird dann auch schnell klar, warum: die Band spielt sich gerne etwas warm, bevor es so richtig in die Vollen geht. Wobei mir die Bemerkung gestattet sein darf, dass viel Ska-Bands dieser Welt ihren Bassisten geben würden, wenn sie auch nur so eine Musik erschaffen könnten, wie die SLACKERS beim 'warm spielen'. Naja, immerhin gibt’s die Band ja auch schon über zehn Jahre, Aus dem Schatzkästchen an großartigen Liedern, die sich in dieser Zeit angesammelt hat, läßt sich auf das großzügigste herausziehen, was einem gefällt. Eigentlich gefällt einem natürlich alles, aber manche Lieder sind schon besonders gut: 'Sahra', 'Soldier', 'Two Face'. Besonders von den alten Stücken wird heute abend fast alles gespielt, 'Rude and Reckless' und das großartige Bon-Jovi-Stück 'Wanted Dead Or Alive'; Insgesamt bleiben die Jungs fast drei Stunden auf der Bühne und spielen noch drei Zugaben. Der Saal schwitzt und tobt. Zwischenzeitlich musste Saxofonist und 'criminal mastermind' David Hillyard einige von mir schnell entworfene Fragen beantworten, immerhin haben wir uns seit der 'The Question' nicht mehr unterhalten und das ist ja nun schon sechs Jahre her.
 
Florian Heilmeyer: Auf eurer Scheibe 'Close My Eyes' habt ihr zum ersten Mal in eurer Karriere heftige und sehr direkte politische Texte geschrieben. Danach habt ihr mit der gegen George Bush gerichteten 'War Criminal' sogar eine ganze, wenn auch kurze Platte der Politik gewidmet. Seid ihr durch die Ereignisse um 911 herum politisch geworden?
David Hillyard: Nein. Wir waren immer schon politisch und wir hatten auch immer politische Lieder auf unseren Platten, so wie 'Soldier' und 'I Still Love You'. Es ist aber wahr, dass wir unsere politische Meinung inzwischen mehr in den Vordergrund stellen. Ich persönlich habe schon immer Lieder wie 'Get Ready' von Curtis Mayfield gemocht, die im Grunde vollkommen frei interpretiert werden können, aber irgendwie doch ein klares politisches Statement transportieren.

Florian Heilmeyer: Wie war denn die Reaktion von Öffentlichkeit und von euren Fans, besonders auf die 'War Criminal'-EP?
David Hillyard: Es ist nicht so, dass wir bedroht werden, aber ein Haufen Fans hat sich schon deutlich beschwert. Wir werden oft gefragt, warum wir auf einmal so politisch sind und es scheint, wir sind einigen Menschen mit der Direktheit unserer politischen Aussagen sehr auf die Füße getreten. Es ist deprimierend. Die Welt fährt direkt zur Hölle und die Leute stecken ihren Kopf in den Sand.

Florian Heilmeyer: Werdet ihr auf der neuen Platte weitermachen mit den politischen Inhalten?
David Hillyard: So lange es relevant ist werden wir immer politische Inhalte in unseren Liedern haben. Genauso natürlich werden wir weiterhin Liebeslieder haben.
 
Florian Heilmeyer: Was ist die Geschichte von 'Bin Waiting' auf der 'Close My Eyes'? Ist es nur ein Wortwitz?
David Hillyard: Nein, das Lied ist wirklich über 9-11. Für eine kurze Minute nach 9-11 gab es so etwas wie eine Seele in den USA, viele Menschen versuchten wirklich zu verstehen, was passiert. Dann wurde es unter Rachegelüsten begraben. Um es kurz zu machen: der War on Terror beweist mir einmal mehr, dass es noch sehr viel Potenzial in unserer Menschlichkeit zu wecken gilt.

Florian Heilmeyer: Wo wir von Menschlichkeit sprechen: in NYC wird die Politik immer restriktiver, auch das Rauchen ist überall verboten. Ist Rauchen nicht ein essentieller Bestandteil jedes Ska- und Reggae-Konzerts?
David Hillyard: (hier hab ich ihn mal zum Lachen gebracht, ansonsten wurde höchstens geschmunzelt) Es wird schon wieder besser in NY, aber ja, Du hast vollkommen recht. Vor einiger Zeit, vor ungefähr fünf Jahren, gab es eine ganze Reihe von Orten für Livemusik, die alle zugemacht haben: Coney Island High, Wetlands. Aber im Augenblick gibt es eine Art Revival von guter Livemusik, mehr Bands, mehr Clubs. Alles bewegt sich in Kreisläufen.

Florian Heilmeyer: Ich mag es sehr, dass ihr ohne Vorband und mit einer Pause in der Mitte spielt. Wie seid ihr drauf gekommen?
David Hillyard: Es ist doch so: wir verbringen sehr viel Zeit auf der Strasse und beim Warten, Soundcheck und so weiter. Wenn wir dann endlich spielen dürfen will ich auch eine Weile spielen. Es macht einfach keinen Sinn, jeden Tag acht Stunden zu fahren und eine halbe Stunde zu spielen. Wir fanden das immer total langweilig, auch wenn es manchmal einfach sein muß, weil Du ansonsten gar nicht spielst. Aber eigentlich wollen wir das Spielen so weit wie möglich ausdehnen und mit den Leuten in Kontakt kommen.

Florian Heilmeyer: Ich habe mal eine wirklich wunderbare Definition des typischen SLACKERS-sounds gelesen: 'stell Dir einfach vor, Bob Dylan hätte jahrelang mit Lee Perry+ the Upsetters zusammen geprobt.' Ist das eine angemessene Beschreibung?
David Hillyard: Auf jeden Fall. Wir sind amerikanische Kinder, die mit jamaikanischer Musik aufgewachsen sind. Wir versuchen, diese beiden Einflüsse zu kombinieren.
 
Florian Heilmeyer: Ihr spielt aber auch regelmässig die Deconstruction Tour und seid auch sonst viel mit Punkbands unterwegs. Wieviel Punk steckt in den Slackers?
David Hillyard: Vic [Ruggiero, Sänger, smarter Hutträger und Keyboarder] ist mit Punkrock groß geworden, Ara und Jay auch. Ich nicht, ich bin mit Ska und Reggae aufgewachsen. Es sind Sprenksel von Punk in der Musik der SLACKERS, aber nichts essentielles. Mental sind wir allerdings irgendwie Punks, denn wir passen jedenfalls nicht in die große Gemeinschaft, die sich Gesellschaft nennt. Wir sind Außenseiter, Mann.

Florian Heilmeyer: Ihr habt gerade eine Split mit der Punkband Pulley aufgenommen. Ist das neues Material?
David Hillyard: Es ist ausschließlich neues Material und wir werden ihn wohl auch nirgendwo anders veröffentlichen. Wir haben Pulley auf Tour getroffen und uns angefreundet. Wir fanden es alle eine prima Idee, eine Split aufzunehmen.

Florian Heilmeyer: Aber ihr arbeitet auch schon wieder an einem neuen Studio-Album, nachdem ihr gerade erst mit 'An Afternoon in Dub' eine Platte mit Dubversionen eurer eigenen Lieder aufgenommen habt. Wie wird die neue Platte heissen und wann ist sie fertig?
David Hillyard: Wir wollten sie eigentlich noch in diesem Jahr fertig bekommen, aber jetzt hat das Dub-Album doch länger gedauert. Eigentlich wollten wir es einfach füllen mit den guten Sachen, die einfach immer liegen bleiben, wenn wir ein neues Album aufnehmen, aber jetzt haben wir uns wieder mehr Mühe gemacht. Das neue Album wird also erst im Februar nächsten Jahres erscheinen. Ein paar Stücke testen wir aber schon mal live, 'Capo' und 'Set the Girl Free' zum Beispiel. Die Fans lieben sie.

Florian Heilmeyer: Ihr habt schon die Chance gehabt, mit quasi allen euren großen Vorbildern ins Studio zu gehen, zuletzt sogar mit 'Slackers+Friends' ein hervorragendes Album mit ihnen allen aufzunehmen. Was bleibt noch zu tun für die SLACKERS?
David Hillyard: Ich habe noch ungefähr elf Platten in meinem Kopf, die ich machen will. Also machen wir die elf Platten und lösen uns dann auf.

Ein großartiger Abend geht zu Ende und auch dieser wunderschöne Artikel. Auf das neue Album der SLACKERS freue ich mich mehr als auf Weihnachten. Also artig bleiben.

Artikel auch in: WAHRSCHAUER #51:
Wahrschauer Fanzine

 
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