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»Wir sind weder jung, noch schön, noch besonders gute Vorbilder.«
Dafür wissen die Finnen einen gepfefferten Ska zu spielen, zu dem es sich schön trinken lässt. von Florian Heilmeyer – 2007

  

Gegründet wurde die Band gerade mal 2002, bislang sind die Singles 'Miracle' (2004) und 'Ranking Full Stop' (2006), sowie das Album 'High and Mighty' erschienen, letzteres ist seit diesem Jahr dank dem Berliner Label Pork Pie auch außerhalb Finnlands erhältlich. Ein Album, das übrigens 2006 einen beachtlichen 24. Platz in den finnischen Charts erreichen konnte.

Gleich beim allerersten Song ihrer Debutplatte wird dem Hörer ein fröhliches 'This is Valkyrians Ska!“'entgegen gerufen. Ein fast klassischer Two-Tone-Sound mit klarer, dominanter Orgel und ab und an leicht punkig verzerrte Gitarren, ein bißchen Specials, etwas von The Beat. Hier scheint alles klar zu sein und nach einem Song ist die Schublade offen, in die man die fünf Finnen stecken könnte. Wären da nicht noch mehr Songs. 'Do You Really Wanna Know' ist Ska-Pop der späten Achtziger, danach wird Derrick Morgan’s 'Conquering Ruler' gecovert. Diese Finnen! Bei 'Warmth and Shelter' schrecken sie nicht mal mehr vor Streichern zurück um ihrem Soft-Reggae noch eine Stufe Weichzeichner mehr zu verpassen, das Cover von 'Rankin’ Fullstop' ist dagegen eine der ruppigsten Versionen dieses sowieso schon ruppigen Stückes der englischen Ska-Legende The Beat. Ein amüsanter Zufall der Geschichte will es dann auch, dass die Valkyrians mit 'Rankin’ Fullstop' im Jahr 2006 Platz sechs der finnischen Single-Charts erreichen – exakt dieselbe Position hatte auch das Original rund 25 Jahre zuvor in den englischen Charts erreicht.

 

Dabei sind die Valkyrians keine Band aus der Hotellounge, die auf Zuruf alle Ska-Songs spielt. Ihr Cocktail scheint zwar alle Spielarten des Ska von 1959 bis heute gleichermaßen abzudecken, ist aber wohlschmeckend und vor allem eigenständig.

Wovon sind sie also als Band am direktesten beeinflußt, vom alten Jamaica Ska oder vom englischen Two Tone, frage ich Sänger Angster: »Von beidem gleichermaßen, und von Punkrock und Reggae auch.« »Und von Humpah«, ergänzt Tastenmann Mr. Moonhead, der neben ihm sitzt. »Das ist eine schwierige Frage«, fährt Angster fort, »unsere Musik ist eine Mischung aus der Musik, die wir die letzten 20, vielleicht 30 Jahre gehört  haben und jeder von uns fünfen hat auch noch einen anderen Musikgeschmack. Unsere Coverversionen stehen denke ich für die Musik, die wir am Meisten mögen: Jamaika-Ska und Two Tone. Seit ich ein Teenager war wollte ich diese Stücke singen – jetzt habe ich dazu eine Band!« »Wenn Du unsere Homepage anschaust«, sagt Mr. Moonhead, »siehst Du das wir von Anfang an hunderte Lieder gecovert haben. Wir haben auch Oasis als Skinhead Reggae gespielt. Aber die Auswahl auf 'High & Mighty' ist am repräsentativsten für die Musik, die wir lieben.«

Angster ist derweil noch was eingefallen: »Ich würde unseren Stil so beschreiben: als wir anfingen haben wir erstmal gründlich über unseren Stil nachgedacht. Dann haben wir eine Bierflasche aufgemacht und irgendwie die Kontrolle verloren.« »Oh ja«, erinnert sich Mr. Moonhead schwach, »am Anfang haben wir unsere Musik JalluReggae genannt. Es gibt eine finnische Schnapsmarke, sie heisst Jaloviina, Jallu heißt aber auch Freunde. Seitdem haben wir uns allerdings deutlich weiter entwickelt.«

Bei den deutschen Konzerten ist die Reaktion der Traditionalisten ja immer gleich, wenn eine Band so unterschiedliche Songs spielt: bei den traditionelleren Liedern wird getanzt, bei den neumodischeren geht man an die Bar, trinkt Bier und quatscht so laut wie möglich. Aber Angster weiß: »Natürlich hat man immer eigene Favoriten, aber bei uns mögen auch viele Leute den gesamten Mix. In Finnland ist das Publikum eigentlich bei allen Konzerten sowieso sehr gemischt.« Aber nach kurzem Nachhaken, weil ich solche Antworten nun wirklich oft genug gehört habe, bricht es aus ihm heraus: »Na gut, okay, es ist ein Geheimnis, das du nicht weiter erzählen darfst: wir haben einen Deal mit den Veranstaltern. Wenn Leute stundenlang nur tanzen, dann trinken sie kein Bier und das ist kein gutes Geschäft. Also spielen wir in der Mitte immer diese poppigen Reggae-Stücke und alle Skinheads stürmen die Theke. Die Einnahmen werden dann geteilt…« »Was für Einnahmen?« ruft Mr. Moonhead noch, aber bevor ein Streit ausbricht, lenke ich ab und komme auf die finnische Skaszene zu sprechen.

 
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Gibt es typisch finnischen Ska, FinnSka sozusagen? Blaster Master, Voimarhymä, mehr finnische Bands fallen mir nicht ein, und Angster bestätigt: »Ja, die Szene ist nicht sehr groß, aber dafür sehr eng mit der Musik verbunden. Es gibt natürlich noch mehr Bands, Tirehtöörit, Jazz Gangsters oder House Wife’s Coice – sehr gute Bands mit sehr unterschiedlichen Ska-Stilen. Ska kam erst mit dem Punk nach Finnland, und die ersten echten Ska-Bands entstanden noch später, gegen Ende der Achtziger.«

Eine junge Szene, in der die Valkyrians immerhin eine waschechte finnische Skalegende am Bass stehen haben: Letku-Leroy spielte auf der allerersten finnischen Ska-Single einer Band namens Extaasi 1980. »Das macht sicher auch unsere Musik aus: 'Gangsters' von den Specials war der Grund warum ich angefangen habe, Ska zu hören – damals war ich Punkrocker. Ich glaube, das war bei uns allen so, der englische Two Tone war unsere erste Berührung mit Ska. Danach habe ich angefangen, mich für die Jamaikaner wie Desmond Dekker und natürlich die Skatalites zu interessieren.« Dazu komme dann noch ein gemischter Freundeskreis, wie er in den Ländern und Städten üblich ist, in dem es schon wegen der Einwohnerzahl keine exklusiven Subkulturen geben kann: »Meine Freunde hören Ska, Northern Soul, Reggae, Punk, Oi. Andere Freunde hören Rock oder Pop. Natürlich gibt es stets kleine, aktive Szenen, aber es ist alles durcheinander.« »Genau«, ergänzt Mr. Moonhead, »unsere Freunde sind hauptsächlich sehr durcheinander. Was die finnische Skamusik angeht: In den letzten Jahren gab es einige größere Ska-Festivals. Die Szene wird größer und besser. Und lustiger.«

Dabei beginnen sie, in den Erinnerungen der Band zu kramen. Angster: »Wir haben ja 2004 und 2005 mit DJ Lord Fatty im Club Pharaoh als House Band gespielt. Das war eine Spitzenzeit! Wir hatten immer Gastmusiker und die Leute sind regelmäßig völlig durchgedreht. Ich erinnere mich aber auch an andere Sachen: wir sind in Nordfinnland auf einem Festival aufgetreten und wir waren auch noch die allererste Band. In Nordfinnland! In der ersten Reihe standen nur ungefähr dreißig Gothic-Mädels, völlig in schwarz, von oben bis unten. Sie standen also direkt vor uns und haben uns die ganze Zeit sehr ernsthaft angestarrt. Das war so gruselig. Mittendrin ist Gladiator (völlig zutreffender Name für den Rhythmusgitarristen und Gelegenheitstrompeter) nach vorne gegangen und hat gerufen 'Wie wärs mal mit Lächeln?' und sie haben alle gelächelt, für vielleicht eine Sekunde. Vielleicht war das unser größter Erfolg jemals.« »In Zürich durften wir am 1. Mai draußen spielen«, fällt Mr. Moonhead ein. »Wir konnten von der Bühne aus die ganze Schlacht und den Krawall sehen und der Bühnenmanager rief uns zu 'Spielt weiter bis sie das Tränengas schießen' – das sind die Momente, da weißt du als Band, warum du das alles machst. Nein, ernsthaft, vor einigen Jahren haben wir auf einem großen finnischen Festival gespielt, Provinssirock, und es waren so viele Menschen da und sie haben alle getanzt. Das ist großartig.«

Lustiger als die Valkyrians kann es allerdings schwer werden. Sänger Angster, der vom Kollegen von oivision einmal recht treffend mit Christoph Maria Herbst verwechselt wurde, unterhält das tanzende Publikum live gerne mit außergewöhnlichen Tanzeinlagen, die irgendwo zwischen Epilepsie und Augsburger Puppenkiste anzusiedeln sind. Aber Angster hat eine einfache Erklärung dafür: »Mein Leben ist viel einfacher und glücklicher seit ich von diesem Baum gefallen bin. Danke das du fragst.« Und Mr. Moonhead muß noch ergänzen: »Sein Erinnerungsvermögen wird immer schlechter. Er kann sich stets nur an den letzten Baum erinnern, von dem er gefallen ist.« Überhaupt – je länger man sich mit den beiden Finnen unterhält, desto mehr geht es ums Biertrinken.

Warum zur Hölle sollte ich also betrunkenen Finnen zuhören, was unterscheidet sie von all den seriös arbeitenden Bands da draußen? »Darüber haben wir uns anfangs auch Gedanken gemacht«, sagt Angster, »womit sollen wir beim Publikum punkten? Wir respektieren die musikalischen Traditionen von Ska und Reggae, also haben wir nichts Neues erfunden. Wir sind weder jung, noch schön, noch besonders gute Vorbilder. Auf der anderen Seite: Als Musikliebhaber weiß ich genau, welche Stücke wir spielen müssen, damit die Leute mehr Bier trinken. Das freut die Veranstalter. Wir haben schon viele Bierverkaufrekorde gebrochen. Und Biertrinkrekorde auch! Darüber hinaus sind wir eine sehr gute finnische Band: die Konkurrenz ist in unserem Land nicht sehr groß. Wenn das Publikum gelangweilt ist sprechen wir finnisch, das ist immer lustig: Besucher unserer Konzerte dürfen dann aussuchen, ob sie mit uns oder über uns lachen. In Berlin haben wir immer probiert, unseren Freunden beizubringen, wie man ‚cheers’ auf finnisch sagt: ‚kaljaa käkättimeen’. Es ist nicht ganz leicht, das zu sagen, aber sehr lustig.« Mr. Moonhead: »Trinkst du dein Bier noch? Ich glaube, es wird warm.«

Was passiert denn als Nächstes bei den Valkyrians? Auf dem gerade erschienenen Sampler »United Colors of Ska 4« (Pork Pie) findet sich mit dem unveröffentlichten »Calm Down« ein stark traditionell orientierter Skasong. Ist das die Richtung, in die es gehen wird? Angster: »Wir haben nur noch ein paar Konzerte dieses Jahr, also können wir uns aufs Arbeiten an unseren neuen Songs konzentrieren. Die nächste Platte soll Anfang 2008 erscheinen, im Augenblick denke ich, sie wird viel Old-Skool-Ska und Reggae enthalten, aber man weiß ja nie. Wir haben ja diesen Deal mit den Veranstaltern, von dem ich erzählt habe. Ich denke, hauptsächlich werden wir versuchen, mehr Zeit in unserer Kneipe zu verbringen. Und wir werden versuchen, nicht mehr so viel Zeit in schlechter Gesellschaft zu verbringen. Ich denke, ich sollte auch mal wieder bei Mutti und Vati vorbei.« Mr. Moonhead ist auch schon verabredet: »Oh, heute abend kommt noch ein echt guter Film im Fernsehen. Ich muß weg.«

Am Besten, ihr hört's euch mal selbst an – die Musik meine ich. Auf der 'High and Mighty' und auf der neuen im nächsten Jahr. Und auf jeden Fall beim nächsten Konzert der finnischen Fünf in eurer Nähe, denn live sind die Jungs noch besser als ihre Platten. Und geht doch nach dem Konzert kurz bei Angster und Mr. Moonhead vorbei, bringt ihnen ein Bier mit, ruft 'kaljaa käkättimeen!' und sie werden den restlichen Abend nicht mehr von eurem Schoß wegwollen.

 
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