Get on the Westbound Train von Florian Heilmeyer

  

Die siebenköpfige Gruppe Westbound Train aus Boston machen seit 2001 offiziell zusammen alten Ska und Reggae. Sie sind zunehmend durch die USA und Kanada getourt mit einer kurzen Europatour.  Sie haben bislang sehr regelmässig Platten veröffentlicht: 'Searching for a Melody' (2002) und 'Five to Two' (2004), die letztere schon zusammen mit so illustren Gästen wie King Django und Alex Desert (ehemals Hepcat, der ja auch irgendwie überall seine Nase drin hat). Auf allen drei Platten verknüpfen Westbound Train den frühen Ska und Reggae der 60er Jahre mit nordamerikanischem Soul, Blues und R&B, hier und da sogar mit einem Tropfen Country und Jazz. Während ihrer Auftritte 2005 haben sie diese Mischung so weit entwickelt, dass sie einfach irgendwann auf Tim Armstrong von Hellcat treffen musste. Der sagt heute, er sei schon lange vorher an der Band interessiert gewesen und hätte ihre Entwicklung über die Jahre verfolgt, die Legende sagt, dass Tim während einer Transplants-Show in Boston seinerzeit eine Demo-Kassette zugesteckt wurde, die ihn sofort begeistert hat. In jedem Fall wurden die Jungs von Westbound Train bereits zu den Hellcat-Aufnahmen für das 'Skinhead Rob'-Album und als Hintergrund für das Transplants-Album an die Westküste geladen.

 

Mit 'Transitions', die im September 2006 auf Hellcat/Epitaph erschienen ist, bleiben Westbound Train also ihrem Zwei-Jahres-Rhythmus treu und sie haben sich tatsächlich enorm weiter entwickelt, was vielleicht auch an den besseren Produktionsbedingungen bei einer Hellcat-Produktion liegt. Die neue Platte macht den Eindruck, als wären die Vorgänger nur Experimente gewesen um die individuellen Fähigkeiten der Musiker und ihr Zusammenspiel als Band für den Ernstfall zu testen. 'Transitions' ist nun dieser Ernstfall, ohne aber schwer und ernst zu bleiben. Mit einer jazzigen Spielfreude präsentieren uns die sieben Jungs ihre Variante von äußerst bodenständigem, solidem frühen Ska mit vielfältigen und abwechslungsreichen Ausflügen in andere Genres.

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Westbound Train-Website

Sehr tanzbar, sehr unterhaltsam, ab und zu etwas zu perfekt und glatt um zu den klassischen Neo-Traditionalisten gerechnet zu werden. Westbound Train erlauben sich keine Verspieler und auch keine veralteten Aufnahmetechniken, hier werden die Melodien bis zur Perfektion eingespielt. Die Verspieler, die Unperfektion und die fröhliche Energie sparen sie sich für die Bühne auf. Wenn also der Westbound Train in eurer Stadt hält solltet ihr sicher sein, rechtzeitig am Bahnsteig zu stehen.

Tracklisting
1. Transition (Teil 1)
2. Please forgive me         
3. Good enough         
4. For the first time         
5. The test         
6. Sorry mama
7. I'm no different         
8. Gone         
9. The runaround
10. Seven ways to sunday         
11. Soul revival
12. Transition (Teil 2)
13. I feel fine
14. Fatty boom boom         
15. When I die         
16. Travel on
CD: Hellcat, 2006

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Ein Gespräch mit Obi Fernandez, Sänger, Stückschreiber und Posaunist von Westbound Train, im September 2006.

Wie hast Du die anderen Jungs in der Band kennen gelernt?
Wir haben uns während des Studiums am Berklee College für Musik getroffen. Ich war gerade erst dem frühen jamaikanischen Ska und Reggae verfallen und ich wollte gerne ein Bandprojekt starten, daß Ska und Reggae mit nord-amerikanischem R&B und Soul zusammen bringt. Wir sind dann aber im Verlauf durch sehr viele Umbesetzungen gegangen, zum Glück sind Thad Merritt und Gideon Blumenthal bis heute dabei geblieben, denn andernfalls wären wir heute wohl kaum noch als Westbound Train beisammen.

Wie seid ihr auf euren Namen gekommen? Was ist ein Westbound Train?
Westbound Train ist vor allem eine alte Nummer von Dennis Brown, die Idee das als Bandnamen zu nehmen stammt noch von unserem früheren Keyboardspieler Jeff Pierce.

Mit 'Transitions' seid ihr jetzt zu Hellcat gewechselt - was hat sich dadurch verändert?
Ich denke, dass einzige was sich verändert hat ist die Qualität unserer Aufnahmen, durch Hellcat hatten wir zum ersten Mal etwas mehr Geld um die Platte so hinzukriegen wie wir es uns eigentlich schon immer vorgestellt haben….unsere vorherigen Aufnahmen waren immer etwas, nun ja, gehetzt. Ansonsten sind wir als Musiker und als Menschen sowieso ständig dabei uns weiter zu entwickeln, neue Herausforderungen anzunehmen. Aber das hat ja nichts mit dem Wechsel zu Hellcat zu tun.

Welche Personen haben die band Westbound Train am meisten beeinflußt?
Ich denke wir sind von allen beeinflußt: von Miles Davis bis Johnny Cash zu den Stubborn Allstars und Prince Buster, Skatalites, Stevie Wonder und Bob Dylan. Die Liste könnte für immer weiter gehen, wir haben einen so unglaublich vielfältigen Musikgeschmack…

Du hast 'Transitions' als eure ehrlichste Platte bislang bezeichnet. Bezieht sich das auf euren Sound oder mehr auf bandinterne Prozesse? Sied ihr also jetzt ehrlicher zum Hörer oder zu euch selbst?

Naja, ich denke, Du könntest beides sagen, denn nur beides zusammen ergibt diese ganze Ehrlichkeits-Geschichte. Wir haben offensichtlich als Band in den letzten jahren sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wer 7 Wochen am Stück zusammen in einem Bus lebt, der kommt den anderen so nahe dass Du das Gefühl bekommst, wirklich des Anderen Leben, die Art zu denken und so weiter zu verstehen….aber es ist hauptsächlich unsere ehrlichste Arbeit bisher weil ich in den Texten überhaupt keine Ängste mehr habe, einfach dass auszudrücken was ich sagen möchte. Und musikalisch haben wir keine Berührungsängste mit anderen Stilen mehr, wir haben mehr Selbstvertrauen und denken nicht zu früh daran, wie es anderen Menschen gefallen könnte.

„For the First Time“, das vierte Stück der Platte, hat offensichtlich mit dem Verhältnis zur Familie oder Familien allgemein zu tun: wollten Deine Eltern gerne, daß Du etwas anderes wirst, etwas 'Anständiges', ein regelmässiger Job mit regelmässigem Einkommen etc?
Wow. Jetzt soll ich wohl erzählen, was ich wirklich, wirklich empfinde, haha. Nein, meine Eltern wollten nicht direkt das ich etwas Anderes werde, aber es ist eben so, das wir etwas wirklich vollkommen anderes machen und ein sehr ungewöhnliches Leben führen. Denn wir investieren sehr viel Energie und Aufwand in eine Sache die keinesfalls sichere Anerkennung oder Stabilität produziert. Meine Eltern stammen aus einer sehr anderen Generation. Und wie alle Eltern wollten sie nur das Beste für mich. Eines Tages werden sie vielleicht wirklich verstehen was wir machen, aber zur Zeit kann ich nur sagen, dass wir große Fortschritte machen darüber zu kommunizieren.

Ihr habt die Platte absichtlich 'Transitions', also 'Übergänge' genannt. Was waren für Westbound Train die spektakulärsten Übergänge 2005?
Wir haben uns im Laufe des Jahres 2005 von einer Band, die ein bisschen auch Konzerte spielt gewandelt zu einer Band, die beinahe permanent spielt und tourt. Wir haben bei Hellcat unterschrieben und zum ersten Mal haben wir einen Manager, dann haben wir ein wichtiges Bandmitglied verloren. Und während all das passiert müssen wir auch mit unserem Leben umgehen, weißt Du. Manchmal kommt es einem vor als würde man einen total geilen Film ansehen, in dem Du gleichzeitig Zuschauer und Hauptdarsteller bist. Das ist auch ein Teil dieser Wandlungen und Übergänge und wir hoffen alle, daß diese Übergänge weiter so positiv bleiben wie bislang.

'Fatty Boom Boom' scheint sich auf Derrick Morgan zu beziehen, sowohl was die Musik als auch was den Text angeht.
Unser Schlagzeuger Jesse Heyes hat den Song geschrieben. Ich denke nicht, dass er sich explizit auf Derrick Morgan bezieht, ich denke, Jesse hat ihn einfach nur über einen großartigen Party-Abend geschrieben, den die ganze Band zusammen verbracht hat. Er zeigt auch die leichtere Seite von Westbound Train.

Ihr habt einen Song der 'Seven Ways to Sunday' heißt. Die Mighty Mighty BossTones hatten auf ihrer letzten Platte 'A Jackknife to a Swan' ebenfalls einen Song der so heißt – da ihr auch aus Boston kommt habe ich mich gefragt ob die beiden Songs etwas miteinander zu tun haben.
Die Bosstones haben uns besonders am Anfang enorm geholfen. Sie haben uns gelehrt als Band hart aufzutreten und zu wissen, was wir wollen. Sie haben uns generell eine großartigen Einblick ins Showgeschäft gegeben und was es tatsächlich bedeutet, als Band zu arbeiten. Sie sind großartige Leute und mit einigen sind wir bis heute eng befreundet. Aber die beiden Songs haben nicht miteinander zu tun.

Wieso nennt ihr euren Sound den 'neuen Sound of Ska' obwohl es doch eigentlich in einem guten Sinn der ganz, ganz alte Sound von Ska und Reggae ist?
Weil wir selber noch neu sind in der Szene. Glücklicherweise inzwischen nicht mehr ganz so neu und wir bekommen schon etwas mehr Aufmerksamkeit.

Man kann euch zu einer ganzen Welle von traditionellen Bands in den USA zählen, die hauptsächlich den ganzen frühen Ska und Reggae mit dessen eigenen frühen nordamerikanischen Einflüssen R&B, Jazz, Soul, Funk mischen. Ist das nur die europäische Sichtweise oder ist dort wirklich eine neue Szene entstanden, eine Art 'Soul Revival'?
Es fühlt sich definitiv wie eine Art von 'Soul Revival' an. Wir haben großes Glück und wir müssen eigentlich nur den Fußstapfen der Stubborn Allstars, Slackers, Hepcat oder auch von Bands wie den Toasters und Bosstones folgen. Ska erfährt in den USA eine große Aufmerksamkeit durch die Arbeit all dieser Bands.

Vic Ruggiero (Slackers) hat in einem Interview erzählt, dass er fühlt, alle nordamerikanischen Musikstile würden 'auf derselben Wurzel wachsen', er hat dabei explizit Country und Western, Ska, Soul und Funk genannt. Würdest Du zustimmen?
Auf jeden Fall. Speziell die Country-Künstler waren großartige Geschichtenerzähler, wenn Du Dir auf 'Transitions' das Lied 'Please Forgive Me' anhörst oder generell das Gitarrenspiel auf unserem vorigen Album 'Five to Two', überall wirst Du Einflüsse aus dem Country hören. Leute wie Bob Dylan oder Stevie Wonder waren so großartige Erzähler und Musiker, sie haben in all ihrem Werk immer so viel Seele gehabt….das würden wir so gerne auch erreichen. Unsere Musik muß nicht prätentiös und schillernd sein. Unsere Musik soll demütig, beständig und einfach groovy sein. Ich hoffe, dass wir mit jeder Platte mehr in diese Richtung gehen.

Vielen Dank für das Gespräch und bis bald auf Europa-Tour.
Florian Heilmeyer

     

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