Laurel Aitken und Thomas Scholz von den Busters 1989 im Interview
mit Ulrich Körner vor einem Konzert im HdJ Bielefeld-Sennestadt
Wenn man die Aktivitäten Laurel Aitkens in den letzten Wochen und Monaten verfolgt, scheinen diese die bewegteste Zeit seit langem des Godfather of Ska zu sein. Laurel Aitken tourte z.B. mit den Bad Manners und den Busters und er war Hauptact auf zahlreichen Allnightern und Festivals. Weiterhin erschienen diverse Platten, u.a. die Maxi »Everybody Ska« ein Stück, dass Laurel lieber im Skacid-Gewande gesehen hätte - herausgekommen ist ein Discoskamix - zwei LPs mit Rarem und Unveröffentlichtem und eine EP mit z.T. längst bekannten Tracks (Sally Brown!) in kaum veränderten Versionen...

Und dennoch ist Laurel Aitken weder der reaktivierte Opa noch der opportunistische Geschäftemacher wenn man sich vor Augen hält, daß er seit Jahren mit seiner Band den Pressure Tenants spielt und schon 1986/87 mit den Potato 5 gearbeitet und eine LP eingespielt hat, als Ska noch längst nicht der Seller war, der er heute ist. Er denkt auch nicht erst seit heute über Möglichkeiten nach, die Ska-Musik zu modernisieren bzw. mit anderen Stilen zu mischen. Was dabei allerdings herauskommt, bleibt abzuwarten - mit »Everybody Ska« kann ich mich jedenfalls nicht anfreunden.

Seine Gedanken machte sich auch Thomas Scholz, Sänger der Busters, der sich - während des Interviews vor dem Konzert der »Busters featuring Laurel Aitken« im HdJ BI-Sennestadt ziemlich desillusioniert zeigte, was die derzeitige Situation der Ska-Musik betrifft. Vorher sprach ich aber mit Laurel Aitken und es ging zunächst um dessen Anfänge als Musiker (über die ich in letzter Zeit viel Widersprüchliches gehört und gelesen hatte).
 
Laurel Aitken: Mit elf Jahren kam ich von Kuba nach Jamaica. Als ich jung war, habe ich Calypso-Songs gesungen, lange bevor ich anfing Platten zu machen. In Jamaica hörten wir den amerikanischen Rhythm & Blues und Boogie Music aus New Orleans - Smiley Lewis, Roscoe Gordon, Amos Milburn - all diese großartigen Bluesmen aus Amerika! Wir in Jamaica wurden beeinflußt von amerikanischen Boogie. Bald war ich einer derjenigen, die sich entschlossen, eigene Platten zu machen. Aber vor mir gab es schon einige Leute, die Calypsos aufnahmen. Ich bin also nicht der erste, der Platten aufnahm. Aber ich war der erste, der Platten machte, von denen die Leute sagten: »Yeah, this is what we wanted all the while!«
Sie wollten mal etwas anderes als Calypso, so 1956. Ich fing 1958 an Platten zu machen. Zu dieser Zeit hatten wir in Jamaica keine Hitparade in dem Sinne, erst 1959. Ich dar der erste Jamaicaner mit einem Nummer 1-Hit. Elf Wochen war ich die Nummer l! Vor all den amerikanischen Platten!

Ulrich Körner: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Potato 5, den Loafers, den Bad Manners und neuerdings den Busters, den Bands der heutigen Ska-Szene?

Laurel Aitken:
Potato 5 war die erste Band, mit der ich Platten aufnahm. Damals sah ich ihre Show, und seinerzeit war ihr Sound noch nicht der, den sie heute machen - sie sind immer noch gut - aber ihre Musik klang damals noch wie die jamaicanischen Sachen, authentischer. Ich kam mit ihrem Manager in Kontakt und er und die Band fragten mich, ob ich Lust hätte mit ihnen ein paar Songs aufzunehmen. Wir spielten »Sally Brown« ein, the original »Sally Brown!« dazu »Mad about you«, »Sahara«... Wir gingen in Japan auf Tour und hatten dort fünf Gigs und danach noch zwanzig in England. Danach konnte ich nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten.
 
I am who I am. And I cannot take too much telling from other people on this kind of music. Andererseits mochten sie Boogie nicht. Ich will aber in meinem Set ein oder zwei Boogie-Nummern haben. Ich mag die Musik, diesen New Orleans-stuff! Sie mochten's nicht. Ich hatte einen Hit in den 60ties namens »Bartender«. Sie wollten ihn nicht spielen. Bei jedem Gig riefen die Leute nach »Bartender«. Sie wollten's nicht spielen, weil... sie wollten es einfach nicht spielen. Also habe ich mich von ihnen getrennt. Ska pur, keine anderen Einflüsse - ich konnte nicht weiter mit ihnen zusammenarbeiten. Ich fing an wieder mit meiner Band, den Pressure Tenants zu spielen.
Mit den Loafers habe ich etwa acht Gigs gemacht, bis sie anfingen, sich Freiheiten herauszunehmen. Sie spielten, was sie wollten, machten, was sie wollten - big stars, y'know? Außerdem waren sie noch nicht mal sonderlich gut. Als Band können sie den Busters nicht das Wasser reichen. Die Art und Weise wie sie mich behandelten, mochte ich nicht. Und mit einer schlechten Band brauche ich sowieso nicht zu spielen. Ich spielte also wieder mit meiner Band.

Die Zusammenarbeit mit den Busters? Wir hörten uns gegenseitig in London und dachten, ein paar Aufnahmen und ein paar Konzerte zu machen.

Ulrich Körner: Worin unterscheidet sich der 60ties Ska vom Ska der späten 80er nach Deiner Meinung?

Laurel Aitken:
Was ich am heutigen Ska nicht mag, ist, dass er viel politics enthält. Da steh' ich nicht drauf. Aber mir gefällt die Musik. Sie macht gerade eine Veränderung durch. Es gibt gerade 'ne neue Band in London namens Skaboom! Für 'ne junge Band sind die ziemlich gut. But today's sound wouldn't fit me! Der Sound ist mehr für Jungs wie Thomas. Die Jungs haben viel Energie auf der Bühne, ich nicht, ich bin 61.
 
Ulrich Körner: Und der Ska der späten 70er, Two-Tone? Waren Dir die Bands zu politisch?

Laurel Aitken:
Politische Bands, ob Ska oder nicht, mag ich nicht so gerne - das führt nur zu Prügeleien und Arger bei den Konzerten. Vielleicht ein bisschen ... ich mag's nicht. Seinerzeit habe ich The Beat vorgezogen, aber die Specials und Madness mochte ich auch.

Ulrich Körner: Was hälst Du von Skacid?

Laurel Aitken:
I love that. Ich glaube nicht, dass das eine neue Sache ist. Ich versuche seit acht Jahren so etwas zu machen - Ska in an electronic fashion! Ich habe eine Menge Tapes zuhause. Es ist nichts Neues für mich.

Ulrich Körner: Und was hälst Du von anderen, zumindest vergleichsweise neuen Stilen, z.B. Hip Hop?

Laurel Aitken: Super. Love it.

Ulrich Körner: Und wer sind deine Lieblingsbands?

Laurel Aitken: Ach, es gibt so viele Hip Hop-Bands. Letztens war dieser Typ im Fernsehen. Sein Lied hieß »Do the right thing«. Ich weiß nicht, ob du's schon gehört hast. »Do the right thing« und es ist überall in den Charts. It's wicked. Wicked Hip Hop, y'know? Really good!

Ulrich Körner: Und andere Bands? Eric B. & Rakim, EPMD...?

Laurel Aitken:
Eric B. & Rakim mag ich, aber es gibt soviele Rapper... manche sind besser als Eric B. & Rakim. Ich habe zur Zeit keinen favourite rapper, aber im allgemeinen mag ich den Stil. Leider habe ich Probleme, für einen Song, den ich schon vor langer Zeit aufgenommen habe, ein paar Jungs zu bekommen, die dazu rappen könnten. Yeah, I'm into that. I am into modern technology. Ich würde nicht rappen, ich kann es nicht! Gestern abend hört ich Thomas rappen. Hahahaha! Ich kann nicht rappen, aber ich liebe Rap!

Ulrich Körner: Du wirst immer der Godfather of Ska genannt. Macht dir das nichts aus, denn alle erwarten dann doch immer, dass du Hut, Anzug und Krawatte trägst!
Laurel Aitken: Ich war einer der ersten, der den pork pie und suit getragen hat! Ich kann das aber nicht immer tragen. Bei manchen ShowS kann ich keinen Anzug tragen, weil ich danach klatschnass bin, und meine Anzüge, die ich auf der Bühne trage, sind teuer! Nur zu besonderen Anlässen trage ich Anzüge. Aber es kennt mich sowieso jeder, ich brauche keine Anzüge zu tragen. (Und als hätte ich mich für Jogginghose und Gummistiefel stark gemacht:) Ein Anzug, ob auf der Bühne oder nicht, kommt überall an, selbst bei den Kids. You look smart. And you can't beat when you lock smart. You just look smart. That's it!

Ulrich Körner: Was hälst du von dieser »end-of-decade-These«, daß also Ska immer nur am Ende eines Jahrzehntes populär sei?

Laurel Aitken: Ska ist immer populär gewesen, die Sache ist nur, dass die DJs die Musik nicht spielen. Die DJs versuchen die Musik aus irgendeinem Grund zu unterdrücken. Ich weiß nicht warum. Aber Ska ist genauso gut und interessant wie irgendeine andere Musik.
Ulrich Körner: Hattest du kommerziellen Erfolg mit deinen Platten?

Laurel Aitken: Ich hatte keinen großen kommerziellen Erfolg, aber die Platten, die ich vor dreißig Jahren gemacht habe, wollen die Leute heute hören. Das ist ein Zeichen dafür, dass, wenn meine Musik oder die Ska-Musik von anderen mehr airplay bekommen hätte, es mehrere große Hits gegeben hätte. Aber aus irgendeinem Grund wollen die DJs in England die Musik nicht spielen.

Ulrich Körner: Was ist dran an dem Streit zwischen dir und Buster Bloodvessel (Bad Manners)?

Laurel Aitken: Das ist das zweite Mal, dass ich von-einem Streit höre, seit ich in Deutschland bin. Das hat mich letzte Woche schon mal jemand gefragt. Wir streiten uns nicht. Nie! Dougie (a.k.a. B.B.) und ich, wir sind Freunde. Ich war mit ihnen (den Bad Manners) in Amerika. Wir haben nie Streit!

Ulrich Körner: Glaubst du, dass diesmal das breite Interesse an und die Begeisterung für Ska-Musik länger anhalten wird als zu Two Tone-Zeiten?

Das hoffe ich. Wenn nicht, komme ich vielleicht nicht an das Geld, das ich zum Essen brauche. Hahahaha!

Angesprochen auf die gegenwärtige Ska-Begeisterung schlug Thomas Scholz (von den Busters) völlig ungewohnte Töne an, ist er doch bei seinen Platten-Reviews im Ska-Zine »East Cairo News« mit Specials-Vergleichen oft schnell bei der Hand.

Thomas Scholz: Ich seh' das ganze sehr pessimitisch. Der Enthusiasmus, der da war, ist rückläufig. Es kommen einfach zu viele Platten auf den Markt. Seit Anfang des Jahres sind ungefähr 50 Ska-Platten herausgekommen, von denen mindestens 47 Stück Scheiße sind, das muss man knallhart sagen, und drei Stück, die 'ne Chance hätten, erfolgreich zu werden, die gehen alle in diesem ganzen Wust unter. Bands wie die Bad Manners, die könnten's schaffen und wieder in die Charts zurückkehren. Die haben auch noch 'nen Namen aus den 80er Jahren.

Ich glaube kaum, daß eine der neuen Bands ne Chance hat. Die Originalität, die damals bei den Specials, Madness da war, die fehlt einfach. Die wenigsten Bands sind in der Lage, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Es fängt bei allen an, so wie's bei uns auch angefangen hat, Two Tone-Cover zu spielen und dann ist man schon fixiert. Dann sagen natürlich auch viele Leute, das ist ja eh nur 'n Revival, das gab's alles schon besser. Viele Journalisten werden abgeschreckt, die sehen z.B. den »Ska Ska-Skandal«-Sampler, von dem ich persönlich überhaupt nichts halte, das ist reines Schülerband-Niveau, was da geboten wird. Die sehen dann alles als zweitklassig an.

Die Toasters Und die Trojans sind für ihn Bands, die zeigen, wie man es anders und besser machen kann, sei es durch andere Stileinflüsse oder erweiterte Instrumentierung. Die Busters selbst (die noch vor nicht allzu langer Zeit gerade als die Two Tone-Revival-Band schlechthin erschienen und deren Set zum großen Teil aus covern bestand!) bemühten sich von diesem Image zu befreien, man sei einfach zu sehr festgelegt. An dieser Entwicklung sei auch Laurel Aitken beteiligt.

Thomas Scholz: Was wir durch den Laurel gelernt haben ist diesen Groove reinzukriegen, weg von diesem Two Tone-Kram, auch mal sich an andere Sachen heranzuwagen und einfach zu sagen, wenn’s den Rude Boys nicht gefällt, was soll's, wir erreichen damit auch 'n anderes Publikum. Mit »Dont worry, be happy« haben wir wahnsinnig viele Leute erreicht, von denen man niemals gedacht hätte, dass die jemals auf die Idee kommen, Ska-Musik zu hören. Die meisten wissen wahrscheinlich auch gar nicht, dass das ein Ska-Arrangement ist.

Ulrich Körner: Aber trotz des kommerziellen Erfolges - so begeistert wart ihr doch nicht von der Platte. Ich persönlich fand's auch nicht so toll.

Thomas Scholz: Wir haben gesagt, wir machen's aus Jux und Tollerei. Was soll's, das Stück kann eh keiner mehr hören, da haben wir uns gesagt, wir setzen noch einen drauf. Das Erstaunliche war, dass mit dem Lied in Deutschland zum ersten mal wieder Radio-DJs Ska gespielt haben. Damit haben wir &Mac226;ne Welle in Gang gesetzt.und viele DJs haben alte Sachen wieder herausgekramt.

Schließlich gab's noch eine kurze Betrachtung der deutschen Ska-Szene und nochmals einen nachdenklichen Ausblick auf die Ska-Zukunft.

Thomas Scholz: Die drei besseren oder populäreren Bands dürften die Braces, Skaos und wir sein,im Moment. Danach gibt's noch ne ganze Reihe weiterer Bands, siehe z.B. »Skandal-Sampler«. El Bosso & die Ping Pongs halt ich für eine sehr gute Band, der Nachteil ist nur, dass sie Deutsch singen. Das wirkt natürlich für viele eher abschreckend, von wegen die Ärzte spielen Ska. Aber ich hab' großen Respekt vor der Band. Da gehört viel Mut in diesem Business dazu zu sagen, was soll’s, ich verzichte auf internationalen Verkauf und sing in Deutsch.

Ansonsten gibt's in der Größenordnung von 20 bis 25 Bands in Deutschland ein riesiges Potential. Fans, die uns vielleicht vor einem Jahr gesehen oder »'Don't worry, be happy« gehört haben, sagen sich, nehmen wir uns Instrumente und fangen genauso an. Insofern ist schon 'ne Mode-Sache gebracht worden, das »Dance Craze-Video« gibt's auf einmal wieder, du findest alle Tourplakate von Madness und Specials. Dadurch wird natürlich der Ausverkauf beschleunigt.
 

Dieses Interview erschien erstmals 1989 im My Mind's Eye-Fanzine und wurde allska.de freundlicherweise von Ulrich Körner zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

bllinks.gif