Ulrich Körner: Fühlt Ihr Euch anderen Girl-Bands verbunden, einerseits Z. B. den Bodysnatchers oder andererseits den Bangles oder auch Salt'n Pepa, selbst wenn sie aus einer anderen musikalischen Richtung kommen?
Dill (voc): Naja, Penny hat ja früher bei den Bodysnatchers gespielt. Wir spielen aber einfach das, was wir spielen.
Anna (sax): Es ist also nicht unsere Absicht, eine männliche Vormachtstellung im Biz zu brechen; wenn wir dazu beitragen können, wäre das schön, aber es ist auf keinen Fall unser erklärtes Zie1. Außerdem habe ich bislang nicht den Eindruck, als kümmere sich das Publikum groß darum, dass wir eine Girl-Band sind. Es ist ja auch keine Seltenheit mehr.
Ulrich Körner: Wie klappt es mit der Verständigung mit nicht-englischsprachigem Publikum?
Dill (voc): Abgesehen davon davon, dass mit unseren Texten nichts großartiges ausgesagt werden soll, muss ich auf jeden Fall sagen, dass wir eigentlich die entsprechende Landessprache sprechen müssten, und nicht vom Publikum erwarten können Englisch zu sprechen, um Kontakt mit ihm zu bekommen,
Jeremy: Musik kann übrigens nichts ändern, das ist völlig naiv, sowas zu denken.
Ulrich Körner: Wie sieht es aus mit Platten?
Dill (voc): Wir haben gerade unsere LP in Frankreich aufgenommen. Sie heißt »Nana Choc Choc in Paris« und bedeutete zehn Tage sehr harter Arbeit.
Ulrich Körner: Ich habe im Radio ein Interview mit den beiden Ex-The Beat-Leuten Andy Cox und David Steele der Fine Young Cannibals gehört. Sie sagten, dass trotz der langen Geschichte der Musik, Ska vor zehn Jahren in Verbindung mit Punk eine Art Erfindung gewesen sei (einige schauen erstaunt) und heute Ska für sie keine Bedeutung mehr habe. Könnt Ihr Euch vorstellen, mal etwas anderes zu machen?
Anna (sax): Nein, ich glaube nicht. Wenn wir keinen Ska mehr spielen würden, wäre das gleich bedeutend mit unserem Aufhören. Aber natürlich versuchen wir, an unserem Stil zu feilen.
Penny (trp): An Two Tone-Ska sind und waren wir übrigens nie besonders interessiert. Wir ziehen den 6oties-Ska klar vor. Two Tone war ganz okay.
Jeremy: We're trying to capture the liveliness of Sixties-Ska. Allerdings sind natürlich die technischen Möglichkeiten heute nicht mehr mit dem damaligen zu vergleichen.
Hierauf erübrigte sich dann die Frage, was sie von Trojan-Gaz Mayalls Aussage halten, er habe zu den meisten Two-Tone Platten nicht tanzen können. Er und Prince Buster hatten sich in einem NME-Artikel ebenfalls sehr gleichgültig gegenüber 2 Tone geäußert. Meinen Einwand, dass manche Gruppen, wie die Trojans und Potato 5, sich doch vielleicht zu sehr an den Sixties-Sound anlehnen, ließen die Deltones gar nicht gelten bzw. beurteilten dieses gerade als positiv.
Ich merkte, ich hatte es mit Puristen zu tun, denn auch die Frage, was sie außer Reggae und Ska noch hören, bereitete ihnen offenbar ein Problem und sie antworteten schließlich nach einigem Stirnrunzeln grinsend "»Acid House« - ist in London übrigens schon längst wieder out.«
Ulrich Körner: Ich hörte, einge Mitglieder der ehemaligen 2 Tone-Bands hätten Interesse an den neuen Ska-Bands gezeigt?!
Penny (trp): Ja? Wer denn?
Ulrich Körner: Na, Jerry Dammers z.B. soll angeblich für das Londoner Ska-Festival im Dezember als DJ im Gespräch gewesen sein.
Penny (trp): Da wissen wir nichts von. Außerdem habe ich kürzlich Mark Bedford, den Madness-Bassisten, in London getroffen. Er meinte, auch für ihn sei das Thema Ska abgehakt. Mit anderen habe ich nichts zu tun. Ich weiß auch nicht, was sie machen.
Ulrich Körner: Was haltet Ihr von kommerziellen Reggaebands und -platten?
Dill (voc): Ich habe nichts dagegen. Ich mag z.B. Aswad (die anderen stimmen zu), ich meine, auch »Don't turn around« ist in Ordnung.
Zum Ende des Interview3 kam schließlich noch Julie herein - mit frisch gewaschenen Haaren! Die anderen sollten nach dem Interview dafür noch
genug Zeit haben, denn erst waren »Blue Beat« aus Jülich dran, nachdem
unmittelbar vorher mit dem Abbruch bzw. dem Nichtstattfinden des Konzerts
gedroht wurde, da ärgerlicherweise auch einige Schwachköpfe den Weg ins
HdJ gefunden hatten (Thomas: »Dies ist ein Ska-Konzert und kein Fascho-Konzert. Sie sind es, die unsere Musik kaputtmachen!«).
Nun zu Blue Beat: Nach gutem Beginn verflachte ihr Set doch ziemlich. Und was soll ein »Jetzt kommt, was keiner spielen will, aber alle hören wollen - Gangsters!« Lasst einfach Gangsters den Specials und bringt eure eigene »Capone-Version! Ihr »Too much Ketchup/Pressure« riss später erst recht keinen mehr vom Hocker. Den schwachen Eindruck, den ich durch ihre beiden Stücke auf dem Skank-Sampler bekommen hatte, konnten Blue Beat 1ive leider nicht aufbeben. Ich war froh, als der schlaffe und zu lange Auftritt endlich zu Ende war. Dann kamen die Deltones und übertrafen die Erwartungen bei weitem. Sie spielten vorwiegend schnelle Songs, offenbar orientiert am Ska der frühen 60er mit Schlager-Touch, vor allem aber herrlich schrägen Bläsern und tatsächlich sehr lively. Toll auch ihr .»Secret Agent Man«-Cover!
Das alles rief schon Erinnerungen an die erste Potato 5-LP wach, an Stücke wie Western Special und Jesse Jackson. Aber die Deltones sind nicht Potato 5: im Gegenteil, sie übertreffen diese eindeutig, zumal, wenn man bedenkt, wie schlecht die zweite LP der Potatoes wurde.
Na ja, hoffentlich ist den Deltones eine live-ähnlich fröhliche und spritzige LF gelungen. Bis dahin erweitere ich John Peels Meinung über die Deltones: »From the moment they struck up - on stage - I was a fan!«
Dieses Interview erschien erstmals 1989 im My Mind's Eye-Fanzine und wurde allska.de freundlicherweise von Ulrich Körner zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.