The Special Guests feat. Willie Ocean: Beetroot

Roland Kresse alias Lolli Loll: »So, da isset. Das neue Album der Skaband aus Berlin, die grundsätzlich bei der Frage nach der besten Skaband aus Deutschland einen der ersten 2 Plätze belegt. Warum? Nunja, fähige Musiker mit einem exakten, groovenden Rhythmus und einem vollen Bläsersatz. Dazu noch ein Sänger, der mit warmer Stimme und Charisma dem Zuhörer alles verkauft, was dieser möchte oder evtl. auch nicht möchte oder aber schon fünf Mal zu Hause im Schrank stehen hat oder sonstwas.

Eins vorne weg: Das Album ist kein englischer Rasen. Eher so ein anthroposophischer Wild- und Kräutergarten. Überall wächst und rankt einem ein anderer Stil oder Einfluß um die Ohren. Hier ne Blume, da wieder nen Beerenstrauch, voll das Gestrüpp – aber so was von Gesund für's Ohr! Das macht mich als Hörer immer so aufmerksam.

Ich muss ständig nachdenken, welche Musikrichtung in das Ska-Gemüsebeet der TSG9 gerade eingepflanzt sind: Funk, Rhythm & Blues (mit nem Sound wie ne Blues Brothers Showband), Walzer, Dancehallbeats (im Tracy Chapman – Cover!!!), die üblichen Zierpflanzen Rocksteady, Ragga und Reggae und als Dünger ne ordentliche Priese Soul, die sich irgendwie überall reinmogelt.

Aber Soul haben TSG ja seit dem Zusatz 'feat. Willie Ocean' sowieso gepachtet. Zum Glück sprießt der seit nun mehr zwei Alben im TSG Garten unaufhaltsam wie eine Kletterrose und gibt dem Garten das, was bei 'Toxic Sweet Love' noch fehlte: eine Stimme.

Unkraut finde ich kaum welches. Vielleicht die Kirmesorgel in 'Love chains'. Oder die Überzahl der Saxophonsoli (Ich meine nur die Quantität! Die Qualität steigt stetig!). Aber verdammt: das gehört zu so einem Garten. Aber das stört mich auch nicht wirklich. Einfach weil der Grundgedanke des Gartens (=Ska) immer da ist und innovativ neue Spezies gezüchtet werden.

Fazit: TSG 9 bringen Schwung ins Gewächshaus. Es raschelt hier und zirpt dort, ich will sofort den Klappstuhl aufstellen und der wuselnden Natur zuschauen. Ich fühl mich wohl. Zu Hause. Auch bei den schnelleren Stücken. Ich kann die Evolution des deutschen Ska hören.



Florian Heilmeyer: »Ich gestehe es: ich bin befangen. Bei jeder regulären Gerichtsverhandlung würde der Verteidiger mich jederzeit abberufen können. Denn ich bin der allererste Fan, den die Special Guests hatten. Vorher hatten sie nur Verwandte, ich war der erste Fan.

Erstfans sind sehr schwierige Menschen, besonders weil sie knochentrockene Konservative sind. Jede Änderung ist ihnen ein Greuel und so bin auch ich noch immer unversöhnt wegen des Sängerwechsels. Es ist ja nicht so, dass Leon damals ein guter Sänger gewesen wäre. Gar nicht. Aber gerade diese Unperfektheit des Gesangs hat der immer schon großartigen Musik der Berliner das 'gewisse Etwas' verliehen, eine an die Skatalites erinnernde Unverwechselbarkeit. Das haben sie mit Willi Ocean seitdem noch nicht erreicht.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob man sich damit einen Gefallen tut, sich nun immer als 'Special Guests feat. Willie Ocean' anzukündigen. Damit bleibt er weiter und stärker betont ein Fremdkörper in der Band. Unter dem Vorbehalt, dass ich vielleicht wirklich zu befangen bin, habe ich doch das Gefühl, dass Text und Gesang mit der Musik fremdeln. Mein Gefühl wird bestätigt, wenn meine Lieblingslieder auf der Platte genau die sind, deren Texte nicht Willie, sondern Tastenmann Sebastian Blottner geschrieben hat: 'Drop in the Ocean' und 'Love Chains' sind richtig gut.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: die Platte ist auch gut. Hervorragend gemachte Musik, sehr gute Mischung aus Ska und Soul, eine zumindest unterhaltsame Coverversion von 'Talkin bout a revolution' (Tracy Chapman). Etwas sehr weich geraten, aber insgesamt sehr gelungene Platte. Für Leute, die die Special Guests nicht schon ewig kennen. Nicht für uns Fans der ersten Stunde

Tracklisting
1. Beetroot
2. Up To You
3. Drop In The Ocean
4. Talkin' Bout A Revolution
5. Build A Castle
6. Ask My Mom
7. Wannabe
8. Love Chains
9. I Got Music
10. Security
11. Headshrinker
12. Mascara
13. Free
14. Bonus-Video 'Beetroot'
CD: Moanin Records, 2007

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